Die Anfeindungen nehmen einfach kein Ende

Die Anfeindungen nehmen einfach kein Ende

Frau eines Verräters – dieses Stigma gilt nicht nur für die Frauen der im Zusammenhang mit dem 20. Juli 1944 Hingerichteten, sondern auch für die Ehefrauen der Soldaten, die nach Stalingrad in sowjetische Kriegsgefangenschaft geraten sind und sich dem Nationalkomitee Freies Deutschland (NKFD) angeschlossen haben. Sie teilen oft das gleiche Schicksal: monatelange Sippenhaft, in der NS-Zeit, Trennung von den Kindern, Enteignung.

Der Alptraum geht für diese Frauen nach dem Krieg in der Bundesrepublik in ganz besonderer Härte weiter: Nicht nur hinter vorgehaltener Hand, sondern offen und nahezu von jedermann werden die Männer, die aus sowjetischen Gefangenenlagern heraus versucht hatten, deutsche Soldaten dazu zu bewegen, sich Hitlers sinnloser Kriegsmaschinerie zu entziehen, als besonders verachtungswürdige Verräter bezeichnet. Der kalte Krieg verschärft diese Sichtweise, gehörten doch auch Exilkommunisten wie Walter Ulbricht dem NKFD an.

Ingeborg von Seydlitz ist diesen Anfeindungen in besonderem Maße ausgesetzt. Ihr Mann, General Walther von Seydlitz gehört zu den ranghöchsten Wehrmachtsoffizieren, die nach Stalingrad in sowjetischer Kriegsgefangenschaft von der Aussichtslosigkeit des Kriegs sprechen und dazu aufrufen, zu desertieren. Von Hitler wird er deshalb in Abwesenheit zum Tode verurteilt, seine Frau Ingeborg muss schließlich zum Schutz ihrer Familie in eine ihr aufgezwungene Zwangsscheidung einwilligen.

Trotzdem wird sie nach dem 20. Juli 1944 mit ihren beiden ältesten Töchtern für mehrere Monate inhaftiert, die beiden jüngeren Töchter kommen in das NS-Kinderheim nach Bad Sachsa. Die traumatischen Hafterlebnisse – Ingeborg wird mit ihren Kindern während eines Bombenangriffs auf Bremen im Keller des Gestapo-Gefängnisses verschüttet – hinterlassen nach Kriegsende körperliche und seelische Spuren.

Hinzu kommt die materielle Not: Ingeborg von Seydlitz hält die Familie zunächst mit Näharbeiten über Wasser, später mit Korbflechten. Kartoffeln und Gemüse baut sie selbst an. Als ihr Haus in Verden restituiert wird, darf sie wenigstens zwei Räume im Erdgeschoss beziehen und nimmt zusätzlich Schulkinder vom Land als Pensionsgäste auf. Von Mai 1949 an erhält sie als anerkanntes „Opfer des Faschismus“ eine Rente in Höhe von 110 Mark im Monat.

Gesellschaftlich bleibt Ingeborg isoliert. Auch die Witwen des 20. Juli wollen sie nicht als eine der ihren akzeptieren: Es gibt keine Solidarität, keine Schicksalsgemeinschaft mit Familienangehörigen von ehemaligen NKFD-Mitstreitern, von denen viele nach Krieg und Gefangenschaft in die DDR gegangen sind. Dort werden sie als Widerstandskämpfer gefeiert – ein Grund mehr, sie in der Bundesrepublik zu schmähen.

Mit der Rückkehr von Walther von Seydlitz nach fast 13 Jahren sowjetischer Kriegsgefangenschaft im Herbst 1955 – er war zwischenzeitlich auch von Stalin zum Tode verurteilt worden - wird es für die ganze Familie noch schlimmer. Die Sensationsjournalisten erwarten ihn am Bahnhof und an Hauswänden empfangen ihn gehässige Schmierereien. Eingeschlagene Fensterscheiben und zahlreiche anonyme Schmähbriefe folgen.
Walther wird vorübergehend in eine Nervenklinik eingewiesen, versteckt sich anschließend bei Freunden. Schließlich zieht die Familie von der Kleinstadt Verden in das mehr Anonymität versprechende Bremen.

Die seelische Belastung für Ingeborg und ihre Kinder ist kaum in Worte zu fassen. Sie selbst leidet unter Rheuma und Migräne. Eine ihrer Töchter verweigert mit 14 Jahren die Nahrungsaufnahme und muss für drei Monate in eine Klinik. Ihre Älteste nimmt sich 1959 mit 34 Jahren das Leben.
Und dennoch geht es irgendwie weiter. Ingeborg von Seydlitz gibt sich nicht auf, sondern stellt sich den Anfeindungen, dem Leben mit innerer Kraft und vielleicht auch Verbissenheit. Die Enkeltochter erinnert sich an eine ablehnende, ja harte Großmutter. Anders geht es den Enkelsöhnen, die vielleicht als Jungen das Herz der Großeltern – selbst Eltern von vier Töchtern - eher gewinnen können.