Die Sorge um die Kinder ist größer als die Not
„Alarm gibt es nicht mehr, darum müssen wir gefasst sein, dass die Bomben schneller fallen, als wir denken.“ Die Erinnerungen von Hedwig Lejeune-Jung über die letzten Kriegstage in Berlin sind ein bewegendes Zeitzeugnis. Nüchtern berichtet sie über den Alltag einer Mutter in Zeiten ohne Normalität.
Von einem zwischen Trümmern festlich gedeckten Frühstückstisch, von Mangel an allem und plötzlichem Überfluss durch die unvermutete Einquartierung von Soldaten, von Straßenkämpfen und gefahrvollen Lebensmittel-Streifzügen, endlosen Stunden im Keller und der ständigen Sorge um die acht Kinder: die jüngeren Töchter, die vor den Russen versteckt werden, die ältere Tochter mit eigener Familie, von der es keine Nachricht mehr gibt, die fünf Söhne, zwei gefallen, die anderen im Krieg oder in Gefangenschaft.
Hedwig teilt diese Nöte mit den meisten anderen Frauen und Müttern dieser Zeit – doch die Art und Weise wie ihr Mann ums Leben kam, schließt sie aus dieser Gemeinschaft doch wieder aus: Er war nicht im Krieg gefallen oder in der Gefangenschaft vermisst, sondern von Hitler wie ein Verbrecher am Galgen hingerichtet worden. Paul Lejeune-Jung hätte nach einem gelungenen Attentat und Staatsstreich in Carl Friedrich Goerdelers neuem Kabinett Wirtschaftsminister werden sollen.
Mit Ende 50 steht in der Nachkriegszeit weniger ein persönlicher Aufbruch zu etwas Neuem im Mittelpunkt von Hedwig Lejeune-Jungs Leben als der Zusammenhalt der großen Familie. Der katholische Glaube gibt ihr Halt. Die Bremer Wollkämmerei, für die ihr Mann lange Zeit gearbeitet hatte, zahlt ihr schließlich eine Rente. Zunächst bleibt sie in dem ihr vertrauten Berlin wohnen, dann zieht sie nach Aachen und schließlich für ihre letzten Lebensjahre ins Emsland zu der Familie ihrer Tochter Elisabeth, mit der sie das Kriegsende in Berlin erlebt hatte. Ihre Enkel erinnern sich mit Wärme und respektvoller Ehrfurcht an die Großmutter.