Ihr Tod bleibt ein Mysterium

Ihr Tod bleibt ein Mysterium

Generaloberst Ludwig Beck gehört zu den zwar nicht mehr aktiven, aber ranghöchsten Offizieren des Widerstands. Seine herausragende Rolle bei der Vorbereitung des Umsturzes und bei der Planung für eine Neuordnung Deutschlands, seine für jeden offensichtliche Bedeutung als vorgesehenes Staatsoberhaupt lenken in besonderem Maße den Hass der Gestapo auf seine Person. Doch sie kann seiner nicht mehr habhaft werden; Ludwig Beck ist in der Nacht des 20. Juli 1944 im Bendlerblock nach missglückter Selbsttötung mit der eigenen Pistole von einem Wehrmachtssoldaten erschossen worden.

Umso erbitterter verfolgen die nationalsozialistischen Schergen seine nächsten Angehörigen: seine Tochter Gertrud, seinen Bruder Wilhelm und dessen Frau, die auch Gertrud heißt. Um sie geht es in diesem Portrait.

Gertrud Beck ist die Tochter eines Rostocker Medizinprofessors. 1911 heiratet sie den Diplom-Ingenieur Wilhelm Beck. Sie ist nicht nur die Schwägerin des Widerstandskämpfers, sondern auch Vertraute, Ersatzfamilie, nachdem Ludwig Becks Frau wenige Monate nach der Geburt der Tochter an Tuberkulose gestorben ist.

Wilhelm und Gertrud leben mit ihren fünf Kindern in der elterlichen Industriellen-Villa in Wiesbaden-Biebrich; Wilhelm ist seit 1919 Alleingeschäftsführer der vom Vater gegründeten „Rheinhütte“, einer Eisengießerei für Maschinenteile, insbesondere chemische Pumpen – Gertrud führt einen großen Haushalt mit Personal. So ziehen sich die Brüder bei Besuchen Ludwigs zu ungestörten Gesprächen in den weitläufigen Garten am Rhein zurück. Niemand weiß heute, ob auch Gertrud über die Umsturzpläne ins Vertrauen gezogen wurde, doch ihre regimefeindliche Haltung ist in der Familie bekannt – und möglicherweise auch außerhalb dieses geschützten Ortes.

Vom gescheiterten Attentatsversuch am 20. Juli 1944 erfahren Wilhelm und Gertrud durch den Rundfunk. Wenige Tage später stellt die Gestapo zu nächtlicher Stunde das Haus auf den Kopf, durchwühlt Kommoden und Schränke, konfisziert Briefe, Schriftstücke und nimmt schließlich um drei Uhr früh Wilhelm Beck mit in Haft.

Ungewiss ist, ob die beschlagnahmten Dokumente Gertrud belasten. Aber offensichtlich erhofft sich die Gestapo von ihr weitere Informationen. Jedenfalls wird sie am 10. August 1944 in das Frauengefängnis Frankfurt-Höchst verschleppt. Nur fünf Tage später ist Gertrud tot. Sie habe sich erhängt, wird der Familie später mitgeteilt, ihr Leichnam jedoch in einem versiegelten Sarg übergeben, so dass keine Obduktion mehr möglich ist.

Die Angehörigen glauben nicht an einen Selbstmord: Es passe nicht zu Gertruds Persönlichkeit, zu ihrer Bindung an Mann, Kinder und Enkel. Wahrscheinlicher sei, dass sie von der Gestapo ermordet wurde. Die Familie lebt bis heute mit der Ungewissheit ihrer Todesursache.