Im Gefängnis gibt man sich in Gottes Hand
Der Name Stauffenberg fällt nach dem gescheiterten Umsturz vom 20. Juli 1944 sehr schnell, auch öffentlich. Claus Schenk Graf von Stauffenberg wird als Hauptprotagonist des versuchten Attentats und Staatsstreichs in der Nacht zum 21. Juli hingerichtet. Seiner Frau Nina bleiben zwei Tage, bis die Gestapo sie am 23. Juli in Lautlingen bei ihrer Schwiegermutter ausfindig macht, wo sie mit den Kindern die Sommerferien verbringen wollte.
Zwei Tage, um sich zu fassen, die Schreckensnachricht zu verarbeiten und Kräfte zu bündeln für das, was kommt. Neun Monate Einzelhaft in Gefängnissen und im Konzentrationslager liegen vor ihr, die Geburt ihres fünften Kindes während der Gefangenschaft, zwischen Bombenangriffen und Evakuierung und die Ungewissheit über das Schicksal ihrer vier Kinder im Alter zwischen vier und zehn Jahren, die in ein NS-Kinderheim in den Harz verschleppt werden.
Rückblickend spricht sie ohne Dramatik über diese Zeit, in der sie versucht hat, die Tage mit Stopfarbeiten, Stenographie-Übungen oder dem Aufsagen von Gedichten zu strukturieren und sich abends im Dunkeln Musikstücke in Erinnerung ruft. „In dem Moment, wo man in Einzelhaft oder überhaupt in Haft kommt, fällt jegliche Verantwortung von einem ab; man braucht sich um nichts mehr zu kümmern, weil man doch nichts mehr ändern kann. Man kann sich nach innen wenden. Man ergibt sich in Gottes Hand, und das ist an sich schon eine große Hilfe.“
Nina von Stauffenberg wusste von den Plänen ihres Mannes, Hitler zu stürzen, kannte jedoch keine Einzelheiten über die Verschwörung. Sie wusste auch nicht, dass er selbst die Bombe zünden würde. Doch sie versteht, dass es für ihn keinen anderen Weg als diesen geben konnte, und sie trägt diese Entscheidung mit. So kommt es ihr auch später nicht in den Sinn, mit ihm oder mit ihrem Schicksal zu hadern. Sie bleibt nüchtern und pragmatisch – andere haben schließlich auch Schlimmes erlebt.
Genauso nüchtern blickt sie auf den 20. Juli, den sie als „ungeheuren Einschnitt“ in ihrem Leben empfindet. Sie ist überzeugt, dass das Attentat richtig und notwendig war, sieht dabei aber auch all die Unwägbarkeiten, Herausforderungen, Risiken, die ein geglücktes Attentat mit sich gebracht hätte – allen voran eine neue Dolchstoßlegende mit dem Stigma des Verrats. Auf die Frage, ob denn die Opfer dann umsonst gewesen seien, antwortet sie mit einem entschiedenen Nein: „Ich habe nie an meinem Mann gezweifelt, weder vorher noch nachher.“
1953 zieht Nina von Stauffenberg mit den Kindern in ihr Elternhaus nach Bamberg zurück. Ihre Aufgabe sieht sie in erster Linie als Mutter und später auch Großmutter einer großen Familie. Ihr ist an wissenschaftlicher Aufarbeitung der Geschehnisse gelegen, sie stellt sich den Fragen junger Menschen. Doch sie meidet Interviews mit Journalisten und jede Form von öffentlichen Auftritten als Witwe von Claus von Stauffenberg.