In der Fantasie dem Krieg entkommen

Ein junger Mann lächelt vermeintlich unbeschwert in die Kamera. Das für Kriegszeiten ungewöhnliche Bild zeigt den Berufsoffizier Egbert Hayessen - in Zivil.

Kurze Zeit später, nach dem Anschlag auf Adolf Hitler, ist Hayessen am 20. Juli 1944 in der Berliner Stadtkommandantur maßgeblich an der Durchführung der „Operation Walküre“ beteiligt und bereitet unter anderem die Festnahme von „Reichspropagandaminister“ Joseph Goebbels vor.

In der Fantasie dem Krieg entkommen
© Privatbesitz Familie Hayessen

„Dieses Bild meines Vaters hatte meine Mutter meinem Bruder und mir in einer Vergrößerung in unser Kinderzimmer gehängt. Es zeigt ihn auf einem Spaziergang in Berlin. Nach Aussagen meiner Mutter ist es das letzte Bild von ihm und wurde kurz vor dem 20. Juli 1944 gemacht. Oder wie meine Mutter uns damals erklärte: ‘kurz vor seinem Tod im Krieg‘.

Als Kind hat dieses Bild meine Fantasie stark angeregt. Bei genauem Hinsehen kann man im Hintergrund im Wald einen Lkw sehen. Ihm gegenüber grenzt ein Zaun an die Straße. Hinter dem Lkw steht etwas Undefinierbares. Das Undefinierbare war in meiner Fantasie ein Panzer und der Lkw natürlich ein Militärlastwagen. Ich stellte mir vor, dass in dem Wald und hinter dem Zaun der Krieg stattfand. Mein Vater im Vordergrund freute sich in meiner Vorstellung sichtlich, dass er dem Krieg entkommen war.

Ich erinnere mich, dass ich mir als Kind lange die Frage gestellt habe: Wieso ist unser Vater im Krieg umgekommen? Er war ihm doch gerade entkommen. Warum ist er wieder in den Wald zurück gegangen und nicht einfach weitergelaufen? Heute weiß ich, warum.“

Volker Hayessen (Sommer 2020)

 

Egbert Hayessen wird nach dem Scheitern des Umsturzversuches noch am Abend des 20. Juli 1944 festgenommen, am 15. August 1944 vom „Volksgerichtshof“ zum Tode verurteilt und am selben Tag im Strafgefängnis Berlin-Plötzensee durch den Strang ermordet.

Eine Kurzbiografie mit weiteren Literaturhinweisen zu Egbert Hayessen finden Sie hier: Biografie Egbert Hayessen.