Von der Gestapo nimmt sie auch ihr eigenes Geld nicht an
„Ich weiß noch wie ich beim Kohleschaufeln am 20. Juli 1944 im Radio von dem Attentat auf Hitler hörte – und vom Misslingen – und zu Tode erschrak. Ich versuchte mich zu beruhigen, weil Carl Ernst schon lange weg war vom Führerhauptquartier. Aber er hatte mir gesagt, dass es seinen Kopf kosten würde, wenn je herauskäme, was er damals gesagt und getan hätte.“ So schildert Johanna Rahtgens in ihren Erinnerungen den Tag des Attentats. Sie selbst ist damals 26 Jahre alt, hat drei kleine Kinder, der Jüngste ist erst vor wenigen Monaten geboren worden.
Auf die erschütternde Nachricht der Hinrichtung ihres Mannes folgt die Beschlagnahmung des gesamten Hab und Guts durch die Gestapo, die Sperrung des Kontos und die Angst vor Sippenhaft und der Trennung von den Kindern. Es wird ihr von der Gestapo nahegelegt, sich nachträglich von ihrem Mann scheiden zu lassen. Auch ein Freund rät ihr dazu – es sei die einzige Möglichkeit, sich und die Kinder zu schützen. Johanna weigert sich, wird von Nachbarn mit Lebensmitteln und überraschend von entfernten Freunden kurz vor ihrer Flucht aus Schlesien Ende Januar 1945 auch mit Geld versorgt.
Als ihr die Gestapo Weihnachten 1944 eine Geldanweisung von 1000 Reichsmark von ihrem eigenen Konto veranlasst, verweigert sie die Annahme. Von diesen Kerlen ließe sie sich keinen Pfennig schenken, auch wenn es ihr eigenes Geld sei, erklärt sie dem verdutzten Postboten.
Bei der abenteuerlichen Flucht mit zwei kleinen Kindern und einem todkranken Baby über Berlin und Hamburg nach Sylt hilft ihr eine Art Empfehlungsschreiben eines hohen SS-Beamten, der kurz vor dem Zusammenbruch wohl schon auf diese Weise Vorsorge für ein Leben nach dem Nationalsozialismus treffen wollte.
Die Entbehrungen von Heimatlosigkeit, Hunger, Kälte, Krankheit teilt sie mit vielen Flüchtlingen in dieser Zeit. Als sie zumindest am Ziel angekommen ist, die Kinder in Sicherheit weiß und selbst schwerkrank im Lazarett liegt - sie wiegt gerade mal 45 Kilo -, überkommt sie mit der ihr auferlegten Ruhe nicht Erleichterung, sondern erstmals die große, tiefe Traurigkeit.
Die ersten Nachkriegsjahre bleiben geprägt von Hunger und Krankheit, aber auch von großer Hilfsbereitschaft anderer Menschen, die ihr eine Bleibe in Württemberg besorgen und vor Gericht die Auszahlung einer Witwenrente erstreiten. Später folgen Umzüge nach Berlin und Bergisch-Gladbach. Johanna engagiert sich kulturell und in der Kirche. Sie geht an Schulen und bringt in Berlin rund um den 20. Juli junge Menschen und Politiker zusammen, um über Widerstand und Demokratie zu sprechen. Sie sammelt Freunde und Familie um sich - geheiratet hat sie nicht mehr.