Gedanken eines Angehörigen

Dr. Axel Smend


Rede anlässlich der Eröffnung der neuen Dauerausstellung in der Gedenkstätte Plötzensee am 29. August 2019 in der Gedenkkirche Maria Regina Martyrum, Berlin.


Gedanken eines Angehörigen


Hinrichtungs- und Gedenkort Plötzensee, in dem etwa 2900 Frauen und Männer aus 20 Nationen enthauptet oder erhängt worden sind !


Die meisten von ihnen hatten – für sich im eigenen Umfeld oder zusammen mit Gleichgesinnten – Widerstand gegen das Unrechtssystem des Nationalsozialismus geleistet.


Angehörige der Ermordeten sind heute hier in der Gedenkkirche, auch verstreut in Deutschland, in Europa, auch weltweit.


Als einer der Angehörigen formuliere ich hier m e i n e Gedanken, auch das, was Herz und Seele bewegt, spreche dabei aber nicht im Namen der Angehörigen; denn: Gedanken eines anderen kann sich ein jeder zu eigen machen, aber nicht eines anderen Gefühle wie Leid, Schmerz und Trauer.


Einige wenige Orte des Grauens habe ich erlebt: Auschwitz, Bergen-Belsen, Dachau, Mont-Valérien - die Hinrichtungsstätte der deutschen Besatzungsmacht westlich von Paris -, Oradour-sur-Glane – Ort des am 10.Juni 1944 von der SS verübten Massakers an beinahe der gesamten Dorfbevölkerung -, Ravensbrück, Theresienstadt.


Die Kinder zahlreicher Juden werden, wenn sie Auschwitz betreten, vor Augen haben, wie ihre Eltern von SS-Männern in die Gaskammern getrieben wurden; die Kinder von Mitgliedern der französischen Résistance mögen nachts aufwachen, weil sie ihren Vater am Mont Valérien auf dem Weg der Erschossenen, dem Parcours des Fusillés, sehen, der zur Hinrichtungsstätte führt; und die Kinder der in Plötzensee Ermordeten werden dort immer ihren Vater oder ihre Mutter am Haken hängen sehen, wenn sie diese Stätte betreten.


Entscheidend ist die jeweilige individuelle Betroffenheit der Zurückgebliebenen.


So ist für mich Plötzensee der schrecklichste Ort auf der Welt.


Für die meisten Töchter und Söhne bleibt Plötzensee  eine „Lebenswunde“, eine Wunde, die jedes Jahr auf wunderbare Weise gereinigt, gesalbt und ein wenig geheilt wird: nämlich in der ökumenischen Andacht des öffentlichen Gottesdienstes im Hinrichtungsschuppen von Plötzensee, morgens am 20. Juli jeden Jahres, bislang gehalten u a von den Geistlichen Eberhard Bethge, Odilo Braun, Hanns Lilje, Martin Kruse, Karl Meyer, Carsten Bolz, Klaus Mertes.


Heilung, wodurch? Durch die Predigten der Geistlichen, die Trost spenden und Orientierung geben wie auch durch die am Gottesdienst mitwirkenden Karmelitinnen.


Ein Trostgedanke, ausgesprochen von Eberhard Bethge, bedeutet mir besonders viel:


Die Ermordeten in Plötzensee hatten die Wahl zwischen Handeln mit Risiko für das eigene Leben oder sich der Mehrheit anzupassen; ihr eigenes Gewissen und ihre Haltung gaben die Richtung vor, aber nicht das nationalsozialistische Regime oder SS- Aufseher. Es ist ein trostreicher Gedanke für Angehörige, den Entscheidungsweg ihrer mit sich und ihrem Gewissen ringenden Väter und Mütter nachvollziehen zu können.


Seit einigen Jahren rücken die Angehörigen im ökumenischen Gottesdienst am 20. Juli geistlich noch stärker zusammen, denn seit 2015 wird jährlich abwechselnd e i n e Mahlfeier unter evangelischer bzw katholischer Leitung gehalten, zu der ausdrücklich die Angehörigen der jeweils anderen Konfession eingeladen werden. Der Gottesdienst wird im Hinrichtungsschuppen,  am Ort des Todes gefeiert, am Ort der Ökumene, haben doch Katholiken und Protestanten dort Seite an Seite am Strang ihr Leben beenden müssen.


So haben sich z B drei Kreisauer Freunde, der Jesuit Alfred Delp und die Protestanten Eugen Gerstenmaier und Helmut James von Moltke, deren Zellen in der Haftanstalt Tegel nebeneinander lagen, in geistlicher Gemeinschaft auf eine tägliche Bibellesung verständigen können. Durch die Wände hindurch fanden die befreundeten Häftlinge sogar eine Form des gemeinsamen Feierns der Messe. Der Widerstand überwand Konfessionsgrenzen.


Das von Delp im Angesicht seines Todes formulierte Vermächtnis an  Gerstenmaier lautete:  „Sorge dafür, dass unsere Kirchen in ihrer Uneinigkeit unserem gemeinsamen Herrn nicht mehr Schande machen. Wir haben es sehr lange getan. Es soll und muss ein Ende haben.“


Als Angehöriger empfinde ich nach 75 Jahren:


Dieser Auftrag ist noch nicht erfüllt. Beide Kirchen sollten sich von diesem Vermächtnis wie auch von der hier vor Ort sichtbar vorgelebten ökumenischen Geschwisterschaft leiten lassen, weitere Entscheidungen auf dem Weg zur Kirchengemeinschaft voranzutreiben.


Für Angehörige sind die letzten Briefe ihrer zum Tode verurteilten Mütter oder Väter ergreifendste Erinnerungsschätze; sie spiegeln häufig in sehr persönlichen Zeugnissen Abschiedsschmerz einerseits, Gefasstheit und Glaubenszuversicht andererseits wider.


Ulrich von Hassel, am 8. September 1944 in Plötzensee hingerichtet, schrieb seiner Frau am Tage seines Todes:


„…. Heute ist auch das Urteil des Volksgerichtshofes gefällt worden. Wenn es, wie ich annehme, vollstreckt wird, so endet heute das über alle Maßen reiche Glück, das mir durch Dich geschenkt worden ist. Es war gewiss zu reich, um länger zu dauern! Ich bin auch in diesem Augenblick vor allem von tiefer Dankbarkeit erfüllt, gegen Gott und gegen Dich. Du stehst neben mir und gibst mir Ruhe und Stärke. Dieser Gedanke übertönt den heißen Schmerz, Dich und die Kinder zu verlassen. Gott lasse Deine und meine Seele einst sich wiederfinden. Aber Du bist im Leben, das ist mein ganzer Trost in allen Sorgen um Euch, auch den materiellen, und um die Zukunft der Kinder, dass Du stark und tapfer bist, ein Fels, aber ein lieber, süßer Fels, für die Kinder. Sei immer so gut und gütig wie Du bist, verhärte Dich nicht. Gott segne Dich und Deutschland!...“


Ein solcher Brief, dessen Gedanken manchem Leser die Tränen in die Augen treiben mögen, vermag den Angehörigen, auch heute noch, – gerade für eigene „schwere“ Stunden – Trost und Rückhalt, Kraft und Zuversicht geben.


Andere fanden während ihrer Haftzeit den Weg zum Glauben; er gab ihnen auf dem Weg nach Plötzensee Halt und Trost.


„Not lehrt beten; ich habe es wieder gelernt; ich habe den Weg zu Gott in höchster seelischer Not gefunden; auch meine Kinder sollen in diesem Glauben aufwachsen und wissen, dass ihr Vater seinen Trost in ihm fand.“


Dieses schrieb unser 31-jähriger Vater in ein ihn während der Haftzeit begleitendes Büchlein; unserer Mutter hat diese klare Botschaft Kraft gegeben und uns Kindern heute noch.


Die Verzweiflung vieler Frauen war groß,  waren sie doch von heute auf morgen mit dem Tod ihres Mannes konfrontiert und somit plötzlich Witwen eines „Verräters“.


Was, wann und wie sag ich meinen Kindern, dass ihr Vater jetzt als „Verräter“ angesehen wird, und warum er umgebracht worden ist?  Diese sicherlich sehr viele Mütter damals quälenden Fragen gehen mir durch den Kopf, wenn ich in Plötzensee bin und auch an meine Mutter denke.


Manche Angehörige suchten sehr bald Kontakt zu den beiden Gefängnisgeistlichen Peter Buchholz und Harald Poelchau. Sie waren diejenigen, die allen zum Tode Verurteilten seelischen Beistand gaben und viele von ihnen auf ihrem letzten Gang begleitet haben. An Poelchau muss ich oft denken. Ihn habe ich noch erlebt: ein äußerst bescheidener, disziplinierter, verschwiegener und menschlich so sympathischer Mann; für mich eine der wichtigsten Persönlichkeiten im deutschen Widerstand: als Kreisauer konnte er sich mit den Beweggründen der ihm Anvertrauten identifizieren und ihnen daher nicht nur geistlich beistehen sondern mit ihnen auch über ihre individuelle Lage und Not diskutieren. Als Gefängnispfarrer brach er immer wieder die Anstaltsregeln und riskierte dadurch auch sein eigenes Leben.


In Plötzensee denke ich an den Inhalt seiner für mich unvergesslichen Predigt vom 20. Juli 1954 in der Jesus-Christus-Kirche in Dahlem. Er sagte dort: „Auch wenn Gott nicht für sie war, sie waren für Gott! Denn sie gingen mit reinen Händen und mit lauterem Herzen an ihr hartes Werk,….da war wirklich das Bewegtsein davon, dass es so nicht weitergehen darf, weil Gottes Ordnung geschändet ist, weil wir nicht mehr in einer glaubwürdigen Welt leben, dass darum nun gehandelt werden müsse“.


Für zahlreiche Nachfahren fügten sich später auch sensible Begegnungen mit den Karmelitinnen, hier im Karmel: Trost durch Zwiesprache mit den Schwestern. Danke dafür immer wieder von allen Angehörigen!