"Getrost sein, Vertrauen haben zu Gott und Orientierung finden an seinen Weisungen."

Gedenkstätte Deutscher Widerstand

Karl-Heinrich Lütcke

"Getrost sein, Vertrauen haben zu Gott und Orientierung finden an seinen Weisungen."

Predigt von Propst Dr. Karl-Heinrich Lütcke am 20. Juli 2004 in der Gedenkstätte Plötzensee, Berlin

In der Welt habt ihr Angst. Aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden. (Johannes 16, 33)

Mut und Zivilcourage, das sind wichtige Tugenden. Am 20. Juli werden wir in besonderer Weise daran erinnert. In einer so gleichgeschalteten Welt, wie es die nationalsozialistische deutsche Gesellschaft war, beginnt der Mut mit der Bereitschaft, gegen der Strom der Zeit zu denken und hinter aller Propaganda das Leiden der Gepeinigten wahrzunehmen – erst recht gehört Mut dazu, auszubrechen aus der durch Gewohnheit eingespielten und gestanzten Sprache und das Unbehagen, ja den Geist des Widerstands anderen mitzuteilen. Und vollends ist Mut gefordert, wenn aus dem Denken und dem Reden Handeln, gefährliches Handeln wird. An diesen Mut und vor allem an die Menschen, die diesen Mut hatten, erinnern wir uns am 20. Juli in Ehrfurcht.

Woher kommt solcher Mut? Sicher hat er unterschiedliche Quellen – so unterschiedlich wie auch die am Widerstand Beteiligten waren. Eine Triebfeder ist zweifellos die aus ethischer Verantwortung und dem Engagement für Humanität erwachsende klare Sicht der Aufgabe. "Sie wussten, wozu", hat gestern Freya von Moltke gesagt. Aber der Mut vor dem Thron der Mächtigen und die Kraft, auch in schwerer Bedrängnis und Peinigung durchzuhalten, wächst aus tiefen Quellen. Für uns Christen hat er mit Gottvertrauen zu tun. Von einer solchen Quelle spricht ein bekanntes Wort aus den Abschiedsworten Jesu im Johannes-Evangelium. Christus spricht: "In der Welt habt ihr Angst. Aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden." Theodor Steltzer, der dann doch gerettet wurde, hat dieses Wort in einem Abschiedsbrief an seine Frau zitiert, als er das Todesurteil vor Augen sah.

In der Welt habt ihr Angst. Das ist wohl wahr! Vielfältig ist sie gegenwärtig – als Angst vor Krankheit, als Angst vor dem Alleinsein, als Angst, nicht zurechtzukommen mit der Aufgabe, die wie ein Berg vor einem liegt. Heute verbreitet sich neben diesen individuellen Ängsten, Spaßgesellschaft hin oder her, auch eine Angst, wie es in dieser Welt weitergehen wird – die Angst vor Terror und Chaos.

Und solche Angst droht zu wuchern. Aus Angst vor anderen verhalten sich manche so, dass sie ihrerseits anderen Angst machen. Angst gebiert Angst, ja Angst potenziert Angst. Wie gehen wir nach dem 11. September in New York mit der Angst vor dem Terror um – so, dass wir Angst und Gewalt nicht potenzieren, sondern zurückschrauben? Das ist eine der großen Fragen und Herausforderungen der Politik heute.

Das Wort Jesu stellt dieser wuchernden Angst das große Aber des Glaubens und Gottvertrauens gegenüber: Aber seid getrost. Bleibt guten Muts. So könnte man auch übersetzen. Versteckt euch nicht ängstlich in der Deckung. Haltet den Kopf hoch und setzt euch dem Wind aus, der da weht.

Der Glaube ist allerdings kein Allheilmittel, das automatisch die Angst vertreibt. Das Wort Jesu ist nicht so zu verstehen, als könnten Christen keine Angst haben. Christen, Menschen, die mit der Bibel leben, kennen die Angst wie alle anderen. Auch die Frauen und Männer des Widerstands kannten sie. Denn diese Angst gehört zum Menschsein. Aber sie gehen anders mit der Angst um. Sie wissen, dass das, was Angst macht, nicht das Letzte im Leben ist. Sie können ihre Angst adressieren, im Gebet vor Gott bringen. Das zeigt uns schon ein Blick in die Bibel, die Psalmen zumal. Die Beter der Psalmen waren gewiss keine Angsthasen. Aber sie hatten auch Angst und sie sprachen diese Angst vor Gott aus. "Als mir Angst war, rief ich den Herrn an und schrie zu meinem Gott." (Psalm 18,7) Die adressierte, ausgesprochene Angst enthält schon ein Stück Befreiung, wie im 55. Psalm: "Mein Herz ängstet sich in meinem Leibe, und Todesfurcht ist auf mich gefallen... Ich sprach: O hätte ich Flügel wie Tauben, dass ich wegflöge und Ruhe fände." Wer so sprechen kann, setzt schon zum Fluge an.

Auch von Jesus wird das berichtet: Wie er in Gethsemane Angst erlebt und Angst durchkämpft und sie dann im Gebet überwindet. Dieser Jesus spricht uns zu: "Ich habe die Welt überwunden." Er überwindet die Welt, indem er an die Stelle der Machtdemonstration den Machtverzicht setzt. Menschen wollen sein wie Gott, das ist nach der Bibel die Grundform der Sünde. Die am 20. Juli Beteiligten haben darin den Kern des damaligen Übels gesehen. Graf York von Wartenburg hat das in seinen berühmt gewordenen Sätzen im Angesicht Freislers so gesagt: "Das Wesentliche ist, was alle diese Fragen verbindet, der Totalitätsanspruch des Staates gegenüber den Staatsbürgern unter Ausschaltung seiner religiösen und sittlichen Verpflichtungen gegenüber Gott." Menschen demonstrieren oft Macht, wollen zeigen, wer das Sagen hat. Jesus verzichtet darauf. Er geht den Weg der Liebe und der Menschlichkeit. Darin läuft alles zusammen: Krippe und Kreuz, Bergpredigt und Heilungsgeschichten. Das ist eine andere Art, die Welt zu überwinden, als alle diese gewalttätigen Versuche der Mächtigen, die Welt als Sieger zu besiegen und dabei blutige Schlachtfelder zu hinterlassen. Christus hat die Welt überwunden, entmachtet, entdämonisiert im Vertrauen auf den Vater im Himmel, der allein der Herr ist. Sein Sieg ist durch das Kreuz, das Scheitern hindurchgegangen.

Dieser Weg der Überwindung der Welt im Gottvertrauen eröffnet Freiheit. In solcher Freiheit konnten die Männer des 20. Juli ihr Handeln auch vor einem brüllenden Freisler vertreten. Solch Geist der Freiheit ist nicht identisch mit vielem, was heute im Zeichen zügelloser und egozentrischer Freiheit vertreten wird. Solch Geist der Freiheit wächst aus einer tiefen Bindung. Für viele der am 20. Juli Beteiligten war es die Bindung an Gott, war es ihr christlicher Glaube, der ihnen Kraft und Freiheit schenkte.

Wir wissen aus Zeugnissen der Hingerichteten, welche Bedeutung gerade auch in den schweren Zeiten der Bedrängnis Eucharistie und Abendmahl für sie hatten. Das Abendmahl ist in der Tat ein Ort, an dem wir diesem Christus, der die Welt überwunden hat, begegnen und so Anteil bekommen an der Kraft der Freiheit von falschen Bindungen. Deswegen ist es gut, dass wir auch heute in der Begegnung mit diesem Christus und in der Erinnerung an die Hingerichteten Eucharistie und Abendmahl feiern.

Vom Mut der am 20. Juli Beteiligten habe ich am Anfang gesprochen. "Seid mutig", so heißt wörtlich, was Luther übersetzt: Seid getrost. Mut und Getrostsein – das gehört zusammen. Der Mut und der Geist der Freiheit, beides wurzelt in einem Getrostsein, das für uns Christen mit dem Glauben an Gott zusammenhängt. In den berühmten Sätzen Bonhoeffers heißt das so: "Ich glaube, dass Gott uns in jeder Notlage so viel Widerstandskraft geben will, wie wir brauchen. Aber er gibt sie nicht im Voraus, damit wir uns nicht auf uns selbst, sondern allein auf ihn verlassen. In solchem Glauben müsste alle Angst vor der Zukunft überwunden sein." In solchem Getrostsein haben die nach dem 20. Juli Verhafteten und Angeklagten auch noch versucht, mit ihren Briefen ihre Angehörigen zu trösten.

Unsere Welt heute sieht anders aus. Die Gewissensfreiheit ist in der Verfassung festgeschrieben, Protestkundgebungen und Streiks als Formen des Widerstands sind alltäglich geworden. Das ist auch ein Erfolg des zunächst scheinbar erfolglosen 20. Juli. Aber das Vermächtnis des 20. Juli reicht weiter. Auch heute brauchen wir die Tugenden der Frauen und Männer aus dem Kreis der Verschwörer: die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen für die Gemeinschaft, den klaren Blick für die Achtung der menschlichen Würde, und schließlich den Mut, die gewonnene Einsicht in die Tat umzusetzen, auch gegen den Gruppendruck der Stimmungsmacher und "main-streams". Und dafür ist ein festes Fundament nötig: Getrost sein, Vertrauen haben zu Gott und Orientierung finden an seinen Weisungen. Das finden wir in der Zuwendung zu Christus, der da sagt: "In der Welt habt ihr Angst, aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden."






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