„Gott, der mich erhört hat zur Zeit meiner Trübsal, ist mit mir gewesen auf dem Wege, den ich gezogen bin.“

Hanns Lilje
„Gott, der mich erhört hat zur Zeit meiner Trübsal, ist mit mir gewesen auf dem Wege, den ich gezogen bin.“
Predigt von Landesbischof Dr. Hanns Lilje am 20. Juli 1955



Text 1. Buch Mose, 35. Kapitel
„Gott, der mich erhört hat zur Zeit meiner Trübsal,
ist mit mir gewesen auf dem Wege, den ich gezogen bin.“


Wenn ich, liebe besondere Gemeinde, die sich in diesem Hause und an diesem Tag hier versammelt hat, dieses Wort für den Richtpunkt unserer Gedanken wähle, dann muss ich zuvor ein Wort darüber sagen, wie verschieden die Menschen dieses Erinnern begehen können, das uns hier zusammengeführt hat.


Wir müssen uns einen Augenblick deutlich machen, dass hier so vieles uns verbindet, doch nicht alle in der gleichen Haltung an die Erinnerung dieses Tages herantreten. Ich sehe davon ab, dass ich übertreiben würde, wenn ich sagen würde, dass es noch immer eine Aufgabe der Historiker und Staatsmänner ist, mit dem Erbe dieses Tages richtig umzugehen, ich sehe davon ab, dass da noch eine Aufgabe vor der Nation steht, die bis zur Stunde noch nicht gelöst ist und deren Lösung unerlässlich ist, wenn unser Weg als Volk in der Zukunft klar und bestimmt ist.


Ich denke aber an eine andere Verschiedenheit, und das ist die, dass sich das Bild dieses Tages ja sehr verschieden darstellt für uns, je nachdem, ob wir zu den Hinterbliebenen oder den Überlebenden oder zu den Beobachtern gehören, und es ist auch für den Prediger des Evangeliums nicht ganz einfach, allen in gleichem Maße Recht zu tun mit dem Wort aus der Schrift, denn diejenigen, die zu den Hinterbliebenen gehören, können nur noch zurückblicken.


Ich kann, wenn ich diesen Raum hier betrete, die Szene nicht vergessen, die ich selbst mitgesehen. Einer, dessen Bruder heute unter uns ist, war hier an dieser Stelle zum letzten Male mit seiner jungen Frau zusammen. Als ich die beiden sah, und die, die es zufällig sahen, da haben wir empfunden, was es heißt, klaren und bewussten Auges Abschied für das irdische Leben zu nehmen. Es kann niemals einer an die Stelle dessen treten, der das durchgemacht hat, und der nun mit dieser Erinnerung für den Rest seines Lebens geht.


Die anderen können nur mit großem Respekt, mit viel Liebe und mit viel Glauben daran, dass Gottes Hand auch über einer solchen großen Stunde waltet, an solch eine Erinnerung denken. Ich bin nicht der Einzige, der an dieser Stelle besondere Erinnerungen zu verarbeiten hat und der vorher einen Augenblick in der Zelle gewesen ist, da für mich der Weg in das dunkle Tal begann.


Diese Mauern haben Gebete gehört, wie sie die Männer selten zu beten pflegen. Wir können auch mit solcher Erinnerung nicht so umgehen, als seien das jedermanns Gedanken; da ist jeder von uns auf das Allerpersönlichste in seiner menschlichen Existenz und in seiner christlichen Existenz vor Gott gestellt. Darf ich noch einen dritten Grund erwähnen: Hier waren ja die Menschen, die uns vernommen haben. Ich bin neulich dem begegnet, der der Hauptvernehmer der Gestapo in meinem eigenen Fall gewesen ist. Da ist auf eine erfreuliche Weise die Vergangenheit wach geworden: Müssen wir nicht mit so etwas fertig werden? Mit den Gedanken an die, die auf der anderen Seite gewesen sind? Und schließlich unser Volk, das solche einander widerstreitenden Erinnerungen hat? Ich möchte, dass wir alle in diesem Augenblick etwas davon empfinden, dass eine Stille bei dem Worte Gottes ist, und dass wir jetzt nicht nur unsere verschiedenen Erfahrungen, sondern die widerstreitenden menschlichen Gedanken zur Ruhe bringen dürfen im Angesicht des lebendigen Gottes. Daher das Wort Gottes aus dem 1. Buch Mose:


„Gott, der mich erhört hat zur Zeit meiner Trübsal,
ist mit mir gewesen auf dem Wege, den ich gezogen bin.”


Deswegen möchte ich zuerst etwas über den ersten einfachen Satz sagen:
„Gott ist mit mir gewesen.“ Männer und Frauen, die mit uns das gleiche Schicksal in diesem Hause oder in einem anderen Hause getragen haben, die wissen, was das heißt, in der Nähe Gottes leben. Wenn ich von diesen Mauern, die schon damals scheußlich und grau waren, sage, sie waren eine Stätte der Gottnähe, dann bitte ich Dich, liebe besondere Gemeinde, das zu verstehen. Ich habe, wie jeder von uns, viel Zeit gehabt in der Haft nachzudenken und habe einmal Tage dazu verwandt, der Schönheit der einfachen Dinge und Verhältnisse zu gedenken – in einem kleinen Geviert zu leben, in dem es nur einen Tisch, einen Stuhl, einen Napf und einen Löffel gab und all das andere nicht, was zum Luxus des Lebens gehört, und ich habe empfunden, dass da etwas von der Schönheit einer Mönchszelle sein kann, wieder auf die Elementarier zurückgeführt zu sein; wenn man sich dann klar macht, dass einem das ja nur geschenkweise widerfährt, dass man sich lösen darf aus all den künstlichen Verwicklungen, die wir geschaffen haben, und dass ein Mann auf der Höhe seines Lebens das niemals freiwillig tut, sich von all den Sachen, die ihn binden, zu lösen und mit den ganz einfachen elementaren Voraussetzungen des Lebens mitzugehen, dann weiß man – ich bin nicht im Begriff, poetisch zu übertreiben – wenn ich so etwas ein „Haus Gottes“ nennen kann. Denn es waren ja nicht nur einfache Dinge des Lebens: Mut, Treue, wirklich nicht schwach werden, wirklich Haltung haben oder diese menschlichen Dinge – denn es war da die Nähe Gottes. Das dürfen wir ja nicht unterschlagen, was in diesem Hause gebetet worden ist; das können wir doch nicht einfach ungeschehen machen.


Wir, die wir hier beisammen sind, sind ja davor bewahrt, einen pathetischen Missbrauch mit solchen Erkenntnissen zu betreiben. Wenn wir es nicht ernst nehmen, die hier gebetet haben, wer sollte es dann tun! Wenn wir uns nachträglich schämen wollten, so wäre das ganz falsch. Nein, das war die Form, in der wir diese eigentümliche Existenz von dem Angesicht Gottes ernst genommen haben! Deswegen können wir mit einer solchen inneren Ruhe von denen reden, die von uns genommen sind. Ich will das Vorbild derer nicht vergessen, die klaren Auges ihrer letzten Stunde entgegengesehen haben und denen Gott die Majestät des Geistes verliehen hat, ganz ruhig zu bleiben. Ich könnte weiter bekannte Namen nennen, die uns teuer sind und müsste das nicht so allgemein hinsagen, sondern von lebendigen Menschen, die wir vorher gekannt haben, und die wir hier aufs Neue gesehen haben, und denen Gott geschenkt hat, in großer Ruhe das letzte Stück ihres irdischen Weges zu gehen.


Ihr lieben Hinterbliebenen, freut Euch daran in aller Demut der Trauer, dass Gott das möglich gemacht hat, und dass einige von denen ein leuchtendes Bild der Erinnerung sind, wie der Friede Gottes ihr Herz festgehalten hat.
Das ist wirklich wahr geworden aus dem 1. Mose, Kap.35:


„Gott, der mich erhört hat zur Zeit meiner Trübsal,
ist mit mir gewesen auf dem Wege, den ich gezogen bin.”


Gerade bei denen, für die es der irdische Weg geworden ist. Und wenn das in einem Volk geschehen ist, dann kann ein Volk nie wieder so tun, als wäre das nicht geschehen. Wenn sich das in der Geschichte einer Familie ereignet hat, kann keine Menschenhand den Segen aus dieser Familiengeschichte auslöschen. Und dann wird sie doch ganz gering, die Frage, ob Schmach und Unehre dabei gewesen ist. Dann wollen wir nicht zurückbleiben hinter denen, für die im Angesichte der letzten Stunde diese irdischen und menschlichen Fragen ganz gering wurden, ob die Welt uns die Ehre nahm und dafür das Angesicht Gottes unseren Weg beleuchtet hat – und wir möchten wohl, dass davon etwas erhalten bleibt – für den Rest unseres Lebens.


Und deswegen möchte ich das Zweite hinzufügen: Christen können eine solche Stunde nicht begehen – nun sage ich etwas Merkwürdiges – ohne wirkliche Dankbarkeit. Ich habe vorhin nicht nur die schöne Stelle aus dem Buch der Weisheit gelesen, die von den Heimgegangenen spricht, sondern auch den großen Abschnitt von Psalm 107, der von denen spricht, bei denen Gott die ehernen Riegel zerschlagen hat. Diese Stelle ist der Christenheit besonders teuer, weil darüber einmal eine Predigt gehalten worden ist, über die unvergessliche Situation im Jahre 1919, unmittelbar nach der Befreiung Rigas von den Bolschewisten. Damals hat der genannte Knecht Gottes, Dr. Schabert, diese Verse gelesen und im Gefängnis unmittelbar nach der Befreiung derer, denen Gott das Leben erhalten hat, zur Dankbarkeit aufgefordert. Nicht wahr, wir müssen es ja tun, wir, die nach Gottes geheimnisvollen Ratschluss wieder herausgekommen sind. Wir können ja gar nicht anders mit dieser Tatsache umgehen als mit einer tiefen Dankbarkeit. Und ich sage es noch einmal mit aller Sicherheit: Es ist ja nicht so, dass wir darüber die vergessen, denen Gott es anders zugeteilt hat, sondern dass wir gerade in der Erinnerung an die, die nicht mit uns in das Tor der Freiheit geschritten sind, mit dem, was wir mitbekommen haben am Leben, besonders gut umgehen müssen.


Das versteht doch unter uns jeder, dass wir nicht so weiter leben können, als wäre das selbstverständlich, als wäre es etwa gar unser Verdienst und schon längst nicht in jener schädigenden Gesinnung: „Wir sind noch einmal davongekommen“ – dass für uns das Leben etwas Besonderes heißt, eine Gabe, die uns erfreulicherweise aufs Neue in die Hand gelegt ist. Und wir würden es nicht richtig machen, wenn wir uns nicht gegenseitig Mut machen, würden um die zwei oder drei Gefahren ins Auge zu fassen, die solch einem Geschenk drohen: die Gefahr der Gedankenlosigkeit.


Ach, das wäre schäbig vor dem Auge des Herrn des Lebens, wenn wir gedankenlos leben würden. Und alles, was ich sagen kann, ist: Gott bewahre uns davor, für diese Gabe des neu geschenkten Lebens gedankenlos zu werden. – Er bewahre uns auch vor der Gefahr der Planlosigkeit. Ich habe manchmal fast physisch gespürt in diesen Mauern, dass über unserem Leben ein geheimnisvoller Plan Gottes waltete.


Als diese Tür in das Schloss fiel, war für mich der aufschlussreichste Augenblick der ganzen Haft. Da habe ich gewusst: „Von jetzt ab gilt Gottes Plan. Ich kann keinen Tag hinzusetzen oder abstreichen und keine irdische Autorität kann das.“ Und das sollten wir in dem sogenannten Alltag nie wieder vergessen.


Es gilt Gottes Plan! So zum Beispiel, dass in diesem Augenblick keiner hier ist, den Er nicht hergeführt hatte zur Besinnung, zur Tröstung, zum neuen Entschluss, Gottes geheimnisvoller Plan! Ich sage das so deutlich, weil der dritte Feind der schlimmste ist, der das wiedergegebene Leben bedroht. Das ist die Sterilität der Bitterkeit. Es gibt nichts Schlimmeres, als wenn ein Mensch der kostbaren Gabe des Lebens gegenüber in Bitterkeit verfällt.


Liebe Brüder und Schwestern! Ich will jedem, der zuhört, bezeugen, dass ich es wohl verstehen kann, dass diese Gefahr einige vielleicht auch unter uns bedroht, bitter zu werden über dem, was war. Aber gerade deshalb möchte ich mit der ganzen Güte und Freundlichkeit Christi als Autorität darum bitten: Werdet nicht bitter über dem Leben, das Gott neu möglich gemacht oder hier erhalten hat.


Die Dankbarkeit ist eine unbeschreibliche Hilfe, nicht der Bitterkeit zu verfallen, nicht dieser Sterilität, die gerade die Lebensarbeit eines Mannes an der Wurzel treffen kann, über sich kommen zu lassen, sondern dem, der eherne Riegel zerschlagen und eiserne Bande gelöst hat, zutrauen, dass er künftig genauso mächtig sein kann, wie er gewesen ist.


Deswegen sollten wir ja mit unseren Erfahrungen und denen derer, die uns teuer waren, behutsam umgehen. Was Er gekonnt hat, das kann Er noch! Haben die vergangenen Jahre unter seinem Zeichen gestanden, dann werden es die künftigen auch tun.


Wir, die vor seinem Angesichte Vergebung aller unserer Sünden, Reinigung von allem, was wir falsch gemacht haben, erbeten und geschenkt bekommen haben, wir dürfen nie mehr verzweifeln, bitter und mutlos werden. Die Quelle der Kraft ist immer noch da, und ich wollte wohl, dass seine Stimme in diesem Augenblick unter Euch, liebe Brüder und Schwestern, das Herz derer erreicht, die es schwer haben, mit ihrer Trauer fertig zu werden oder mit ihrer Ungewissheit. Ich möchte in ganz besonderer Weise erbitten, dass die tröstende Gewalt des Geistes Gottes sich ihres Herzens besonders annehme und ich bin sicher, dass solch ein Gebet Erhörung findet, und ich möchte das Dritte sagen, wenn wir das Wort Gottes hören:


„Gott, der mich erhört hat zur Zeit meiner Trübsal,
ist mit mir gewesen auf dem Wege, den ich gezogen bin.“


Dann würde es einer Leugnung gleichkommen, wenn wir nur in solch dunklen Stunden einen Gottesglauben hätten und im sogenannten normalen Leben nicht.
Wenn Gott es war, der uns diesen Weg geführt hat, dann, die ihr lebt, geht Gottes Weg weiter! Ich kann das nicht so laut und eindringlich sagen, wie ich möchte. Ich möchte ganz laut sagen:


Der Weg Gottes geht weiter, wenn es Gottes Weg war!


Das ist für mich das Schönste in diesem Augenblick. Es ist gar nicht einfach, den 20. Juli zu begehen. Ich empfinde jedenfalls, dass eine merkwürdige Gefahr im Hintergrunde lauert, dass wir unversehens aus einer solchen Erinnerung, ohne dass wir es wollen, ein Stück Museum machen. Dass wir anfangen, sentimental oder pathetisch zu werden, wie die Welt es unfehlbar tut, wenn sie mit einer großen Sache nicht fertig werden kann. Deswegen bin ich dankbar dafür, dass wir diese Stunde vor dem Worte Gottes und vor dem Angesichte Gottes begehen, dass wir weder dem Schadhaften, noch Musealen, noch dem Sentimentalen, noch dem Pathetischen zu erliegen brauchen, sondern ganz einfach groß, mannhaft und schlicht sagen können:


„War es Gottes Weg, dann geht er auch weiter.“


Was von diesem Wege Gottes zu sagen ist, das ist doch nicht ganz einfach. Am liebsten möchte ich es an der Gestalt eines Heimgegangenen erläutern: Wenn ich nie einen Namen genannt habe, so nur deswegen, weil ich keinen Unterschied zwischen Bekannten und Unbekannten, berühmt Gewordenen und unbekannt Gebliebenen machen möchte. Aber einer, den ich hier auf dem Flur getroffen habe, mit dem wir uns verständigt haben, wie man es damals tat, ohne ein Wort, nur ein Nicken des Kopfes oder sogar ein Zwinkern des Auges, der ist mir die wenigen Male, wo ich aus meiner Einzelhaft ihn sehen konnte, ein Vorbild gewesen. Für ihn – kein Wort ist jetzt übertrieben – galt heitere Überlegenheit des Glaubens, so wie man es manchmal auf den heiligen Skulpturen mittelalterlicher Dome sieht. Dieses Lächeln derer, das schon nicht mehr ganz von dieser Welt ist und doch noch mitten in dieser traurigen, gebrechlichen, fehlsamen, schuldhaften Weltlichkeit und der in der Nähe Gottes gelebt hat.


„Er hat mich geführt auf dem Wege“, sagt das Schriftwort, Er wird es auch weiter tun, und Er wird sich an denen von uns, die bei ihm bleiben, dadurch bestätigen, dass Er einen Auftrag für uns hat.


Gerade der Auftrag Gottes bewahrt uns vor einer falschen retrospektiven Haltung, wir sind nicht bis auf diese Stunde erhalten, um immerfort zurückzubleiben, jeder versteht, dass dies ein gutes Wort sein soll.


Die Erinnerung an die Heimgegangenen bleibt uns teuer, solange wir denken können. Aber nicht einmal mit dieser zartesten und teuersten Sache dürfen wir nur eine rückwärts gewandte Haltung verbinden. Ist es der Weg Gottes gewesen, so geht er weiter und ich muss da an eine ganz eigentümliche Stelle der Heiligen Schrift denken, die auch hierher gehört. Die meisten kennen bestimmt den Buchtitel des Gollwitzerschen Buches „Und führen wohin Du nicht willst“.


Wenn man den Zusammenhang kennt, aus dem diese Stelle entnommen ist, dann wird plötzlich deutlich, warum das mit uns etwas zu tun hat. Es ist der Augenblick an einem österlichen Morgen am See Tiberias. Unser Herr, auferstanden und zuerst von den Jüngern nicht erkannt, steht im weißen Ufersand und da kommt Petrus zu ihm, der ihn so geliebt und doch verleugnet hat, und dann wird diese wunderbare Beichte geschildert, die der Herr dem gefallenen Jünger abnimmt und zugleich auch, wie er ihn wieder mit seiner Gnade annimmt. Und das geschieht, indem er ihm einen Auftrag ausspricht und er sagt am Schluss diese Worte: „Da du jünger warst, gürtetest du dich selbst und wandeltest wohin du wolltest; wenn du aber alt wirst, wirst du deine Hände ausstrecken und ein anderer wird dich gürten und führen wohin du nicht willst.“ Und dann steht da plötzlich der Satz: „Das sagte er aber, zu deuten, mit welchem Tode er Gott preisen würde.“ Wunderbare Formulierung für den Auftrag zum Martyrium. Aber vorher liegt das Lebenswerk des größten Apostels. Das ist der lebendige Gott, der aus Sterben wirklich Leben macht, auch irdisches Leben.


Man sollte solche Erinnerungen nicht einfach in dem geistig geschichtlichen Schrank lassen, sondern unserem Volke dienen mit den besten Erinnerungen, die wir haben. Ich will am Schluss nur sagen, wo unsere Aufgabe liegen könnte. Wenn wir die innere Verfehlung unseres Volkes jetzt bedenken, wird uns deutlich: Das Schlimmste wäre Resignation, Opportunismus, Gedankenlosigkeit, Furcht und wie alle diese Feinde heißen. Wichtig ist, dass wir überhaupt verstanden haben, dass Gottes Hand mit uns mitgegangen ist, dass wir den Auftrag an uns begriffen haben.


Liebe Brüder und Schwestern und Hinterbliebenen, die eine kostbare Erinnerung hüten, Überlebende, die das unvermutete Geschenk des Lebens in der Hand haben – das ist unser Auftrag: Jetzt Ihm so bewusst dienen, wie in den Zeiten, da wir seine Hand über uns gespürt haben. Ich nehme an, hier ist keiner, der nicht in den Jahren und Monaten das Beten ganz unreflektiert ernst betrieben hat – so ernst, so unmittelbar sollen wir es tun.


Als wir von hier nach Tegel verlegt wurden, kam ich einen Augenblick neben einen wirklich frommen katholischen Mitgefangenen. Er hatte sofort heraus, welcher Fakultät ich angehörte. Wir tauschten ein paar Worte und kamen auf das Psalm-Wort: „Ich werde nicht sterben, sondern leben und des Herrn Werke verkündigen.“ Dieses Psalm-Wort hatte ich einem unter uns am Sonntag vor dem 20. Juli bei der Abendmahlsfeier persönlich gesagt. Es hätte mich manchmal bedrückt, ob ich ihn nicht zu einem falschen Glauben verleitet hätte, nämlich zu der Meinung, dieses Wort „Ich werde nicht sterben“, müsse auf irdische Weise wahr werden. Da sagte mein katholischer Bruder: „Das sagen Sie als christlicher Theologe? Hat nicht Gott, der Herr, dieses Wort viel wunderbarer an ihm wahr gemacht, als wenn es auf irdische Weise wahr geworden wäre? Das ist die Größe des Wortes Gottes.“


Wir täuschen uns nicht, wenn wir ihn bitten, unsere Wege irre zu machen. Und darum noch einmal, liebe Brüder und Schwestern, die ihr jeder an eurem Teil des geistigen und geistlichen Erbes dieses Tages zu tragen habt, lasst uns still, gelassen, mutig und froh darüber werden, dass es so weitergeht. Gott, der mich erhört hat zur Zeit meiner Trübsal, ist bei mir gewesen auf dem Wege, den ich gezogen bin und wird bei Dir, bei uns, bei unserem Volke bleiben.


Amen.

Weitere Reden

20.07.1955
Dr. Walter Bauer
Dr. Walter Bauer