Maßstab für das Handeln eines Deutschen in jener Zeit

Ernst Ferber

Maßstab für das Handeln eines Deutschen in jener Zeit

Ansprache des Inspekteurs des Heeres Generalleutnant Ernst Ferber am 20. Juli 1972 im Ehrenhof der Gedenk- und Bildungsstätte Stauffenbergstraße, Berlin

Es ist eine ehrenvolle Pflicht, heute an dieser Stelle im Auftrage des Bundesministers der Verteidigung als Vertreter der Bundeswehr der Toten des 20. Juli zu gedenken.

Aus einer Zeit voller Probleme gehen die Gedanken zurück in jene schreckensvolle Zeit und zu jenem Tage voller Tragik und Zukunftshoffnung zugleich. Aber wie unterschiedlich sind die Fragen, die den Soldaten von heute bedrängen, von der quälenden Bedrückung von damals. Die militärische Aufgabe von heute ist die Erhaltung des Friedens. Militärische Verteidigungsbereitschaft soll Sicherheit gewährleisten und Voraussetzungen für Entspannung schaffen.

Es ist für den jungen Soldaten nicht leicht, recht zu verstehen, dass er nur durch Bereitschaft zum Kämpfen den Kampf verhindern kann. Auch ältere Soldaten und militärische Führer ringen ernst mit diesen Problemen unserer Zeit. Aber wir können dies tun im Vertrauen auf eine politische Führung, die ehrlich den Frieden anstrebt, und im Vertrauen auf die Staatsform der Demokratie. Trotz mancher Unzulänglichkeiten, wie sie jede von Menschen geschaffene Einrichtung aufweist, ermöglicht sie die zu geordneter Staatsführung notwendige politische Meinungs- und Willensbildung, sie gewährleistet Freiheit des Einzelnen und sie verhindert vor allem den Missbrauch der Macht. Sie erlaubt uns aber, in gesicherter Freiheit unter der Herrschaft des Rechts zu leben.

Aus dieser Gegenwart blicken wir heute auf den 20. Juli 1944 zurück. Für die Älteren erstehen in der Erinnerung die Not des Krieges und die Schrecknisse der Gewaltherrschaft, die Unsicherheit und Ratlosigkeit gegenüber der Frage, wie diese Not zu steuern sei. Manche unter uns haben sie noch gekannt, die an diesem Tage ihr Leben einsetzten und geben mussten. Ihre Persönlichkeiten, ihr Pflichtgefühl, die unlösbare Verstrickung in eine kaum erfüllbare Aufgabe und der tragische Ablauf jenes Tages werden wieder lebendig. Für unsere Jugend dagegen, ja für den größten Teil der heutigen Generation ist der 20. Juli Geschichte. Geschichte, die oft nur noch oberflächlich und ohne innere Anteilnahme und daher auch ohne Verständnis zur Kenntnis genommen wird.

Es ist für Völker und für einzelne Menschen nie gut, wenn sie von der Vergangenheit nichts wissen wollen. Sie verlieren den Faden, der für alles Geschehen aus der Vergangenheit in die Gegenwart führt und ohne den es keine Richtung in die Zukunft gibt. Sie entbehren der Lehre, die alles Vergangene enthält, wenn man es in die richtige Beziehung zum Gegenwärtigen setzt.

Wie war damals die Lage des deutschen Volkes und die der deutschen Soldaten? Der Diktator hatte – zunächst unter dem Schein des Rechts – den Weg in uferloses Unrecht beschritten. Liebe zum Vaterlande, Opferbereitschaft und Tapferkeit waren in diesem Kriege missbraucht worden. Durch seine Erfolge hat er zunächst in vielen die Hybris geweckt und sie über die Verbrechen der Führung hinwegsehen lassen.

Eine teuflisch geschickte Propaganda, Täuschung und die Undurchschaubarkeit vieler Geschehnisse verwirrten den Blick. Nur wenige sahen klar durch die Kraft ihres Gewissens, durch die Unbestechlichkeit ihres Verstandes und durch den Einblick, der sich ihnen in bestimmten Stellungen bot. Es waren Männer und Frauen aus allen Schichten und Berufen unseres Volkes, die sich zusammenfanden, heimlich und ohne ausreichenden organisatorischen Zusammenhalt, gejagt von der Sorge um ihr Volk und gehetzt von der Gefahr der Entdeckung.

Es ist nicht meine Absicht, heute Einzelheiten aus der Geschichte jener Tage darzustellen. Es geht um die Erkenntnis, dass hier Männer und Frauen nach schwerem Ringen ihrem Gewissen mehr folgten als einem von dem Diktator längst gebrochenen Eid. Sie wagten ihr Leben und waren bereit, den Tod in unwürdigster Form zu erleiden, um dem Verbrechen zu widerstehen, um den Krieg zu beenden, um den guten Namen des deutschen Volkes in der Welt und seine Freiheit wiederherzustellen.

Wir wissen, dass viele diese Männer damals nicht verstanden. Wer – wenn auch irregeleitet und getäuscht – in gutem und treuem Glauben in schwerem Kampfe stand, wer zu Hause die Schrecken des Luftkrieges ertrug und in harter Arbeit das erfüllte, was er für seine Pflicht hielt, ist des Dankes des Vaterlandes wert.

Wir wissen seit langem, dass nur die Erkenntnis des Einzelnen und die Folgerungen, die sein Gewissen daraus zog, Maßstab sind für das Handeln eines Deutschen in jener Zeit. Heute ist es an uns Überlebenden und auch an der jungen Generation, diejenigen zu ehren und ihnen zu danken, die am 20. Juli 1944 gehandelt haben.

Die tiefe Bewegung, die uns hier im ehemaligen Oberkommando des Heeres ergreift, beweist uns, wie nahe und lebendig dieses Opfer noch ist.

Jegliche Art menschlicher Gemeinschaft, Recht und Freiheit und auch die Erhaltung des Friedens sind ohne Opfer in dieser Welt nicht denkbar. Damit stehen wir wieder vor den Aufgaben unserer Zeit.

Mit dem Dank und mit dem Gedenken ist es nicht getan. Die Toten des 20. Juli mahnen uns, ebenso wie die Toten der Schlachtfelder und des Bombenkrieges, an die Pflicht, die wir heute haben, und daran, dass sie mit dem Gewissen erfüllt werden muss! Und sie mahnen besonders die Jugend.






Weitere Reden

20.07.1972
Prof. Dr. Eberhard Bethge
Prof. Dr. Eberhard Bethge