Von jeder Diktatur trennt uns eine Welt

Max Kukil
Von jeder Diktatur trennt uns eine Welt
Ansprache des Kuratoriumsmitglieds der Stiftung „Hilfswerk 20. Juli 1944“, Max Kukil, am 19. Juli 1957 in der Gedenkstätte Plötzensee, Berlin



Die Hinterbliebenen und die Überlebenden des 20. Juli, die im „Hilfswerk 20. Juli 1944“ zusammengeschlossen sind, danken dem Herrn Regierenden Bürgermeister, danken Ihnen, Herr Bürgermeister, und dem Senat von Berlin für diese würdige Feier. Dank auch den Vertretern und den Delegationen der Organisationen und Ihnen, Herr Goes, für Ihre Rede zu dieser Feierstunde. Gruß und Dank zugleich aber auch den Vertretern der französischen Delegation und der Delegation aus den Vereinigten Staaten.


Seit Jahren versammeln wir uns am Vorabend des 20. Juli hier an der Gedenkstätte, die den Opfern der Hitlerdiktatur der Jahre 1933 bis 1945 gewidmet ist. Plötzensee, heute Stätte des Gedenkens, gestern Stätte des Grauens. Das Golgatha der deutschen Passion, wie es einmal ausgesprochen wurde!


Wir gedenken in Ehrfurcht der hier Hingerichteten – mehr als zweitausend Opfer eines barbarischen Systems – und ehren die Millionen Toten, die an anderen Hinrichtungsstätten in Zuchthäusern und in Konzentrationslagern starben.


Indem wir die Toten, unsere Toten, ehren, bekennen wir uns zu ihnen und danken wir ihnen für die Opferbereitschaft im Kampf für Recht, Menschenwürde und Menschentum. Frauen und Männer aller Gesellschaftsschichten und aller politischen Richtungen, junge und alte, fanden sich im Widerstand gegen die Hitler-Tyrannei zusammen. Sie alle einte ein gemeinsames Ziel: die Barbarei zu beseitigen. Wenn ihnen auch der letzte Erfolg nicht beschieden war, so haben sie doch durch ihre Handlungen, ihren Widerstand, der Welt bewiesen, dass auch in der Zeit der Finsternis eine Gleichsetzung Deutschlands mit dem Nationalsozialismus unberechtigt war und dass das andere Deutschland, das des Anstands, des Rechts, der Freiheit, der politischen Moral und der Menschenwürde lebte.


Die Widerstandskämpfer, die Gefolterten, Hingerichteten, sie haben den Grund gelegt für ein neues friedliches und freiheitliches Deutschland. Zeigen wir uns ihnen würdig, indem wir immer daran denken, dass sie uns ein Erbe hinterlassen haben, ihren geschichtlichen Weg und den Sinn der Opfer des Widerstandes im Bewusstsein des deutschen Volkes wach zu halten. Dieses Wissen soll und muss, vor allem in den Schulen, unserer Jugend vermittelt werden. Es besteht leider die Gefahr, dass nur allzu leicht im Zeichen einer gewissen Sattheit – das Gewissen vieler Menschen in der Verpflichtung, die sie haben, träge zu werden droht. Das zeigt sich nicht nur in der Haltung von Einzelpersonen in ihrer privaten Sphäre, sondern oft auch in ihrer Haltung als Staatsbürger oder Funktionär des Staates. Ist es Gleichgültigkeit? Ist es Absicht? Ich möchte die Beantwortung dieser beiden Fragen offen lassen. Aber wir als Widerstandskämpfer haben hier eine echte politische Aufgabe zu erfüllen. Das Funktionieren der staatlichen Ordnung entbindet uns nicht davon. Wir können einen nochmaligen Weg in die Verdammnis und Barbarei, in einen Totalitarismus, gleich welcher Art, nur verhindern, wenn auch der einzelne Mensch davon überzeugt ist und dahingehend wirkt, dass nur in der Demokratie, in einem Bekennen und einer Mitarbeit an den öffentlichen Angelegenheiten unsere Zukunft gesichert ist. Von jeder Diktatur trennt uns eine Welt. Die Erfahrungen aus der Vergangenheit und gewisse Gewitterwolken am politischen Horizont – erzeugt von Unbelehrbaren – veranlassen uns, wachsam zu sein und den Anfängen zu wehren. Wir haben keinen Grund, uns in Sicherheit zu wähnen, denn noch hat unsere junge Demokratie die Bewährungsprobe nicht bestanden. Daher haben wir für ein unverzichtbares Widerstandsrecht auch in unserem heutigen Staate einzutreten. Widerstandsrecht zum Schutze der freiheitlichen Rechtsordnung, der Verfassung, sollte Recht und Pflicht für jedermann sein. Sie sind mit die Voraussetzung für die Schaffung eines freiheitlichen Gesamtdeutschlands in einem friedlichen Europa im Sinne und im Geiste unserer für die Freiheit gestorbenen Kameraden und Freunde.

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