Aber nie ist der Einzelne unrettbar

Ernst Wirmer

Aber nie ist der Einzelne unrettbar.

Ansprache von Ministerialdirektor Ernst Wirmer, Stiftung „Hilfswerk 20. Juli 1944“, am 20. Juli 1958 im Ehrenhof des Bendlerblocks in der Stauffenbergstraße, Berlin

Ich habe die Ehre, für die vom Hilfswerk 20. Juli zusammengeschlossenen Angehörigen des Widerstandes und die Nachkommen der Männer des 20. Juli und damit stellvertretend für den ganzen Kreis des Widerstandes dem Senat und der Stadt Berlin den Dank auszusprechen und einige Worte des Dankes und der Erinnerung für unsere toten Verwandten und Freunde zu sagen.

Das eindrucksvollste Buch über den deutschen Widerstand der Jahre 1933 bis 1944, weil es unserer an das Bild in den Illustrierten, dem Kino und Fernsehen gewöhnten Welt Männer und Frauen des Widerstands in ihrer leiblichen Erscheinung gegenüberstellt, trägt den Titel „Das Gewissen steht auf“. Aus den Bildern dieses Buches mit den kurzen Lebensabrissen und Zitaten aus Briefen an die Angehörigen oder Aussagen von den Verfolgten, treten uns die einzelnen Menschen in ihrem Schicksal, ihrer Größe und ihrem Glauben entgegen.

Die virtus, die Mannestugend – beide, das lateinische und das deutsche Wort bedeuten das Gleiche, nämlich die vollkommen entwickelte, geistig-seelische Fähigkeit eines Menschen, das sittlich Gute freudig, beharrlich und auch unter Opfern und gegen innere und äußere Widerstände zu tun – diese Tugend mancher Männer und Frauen wird in einigen Bildern uns Nachfahren erschütternd und fordernd sichtbar.

Im Mittelalter wurde diese virtus, diese Mannestugend im Einzelnen unterschieden in die Tugend der Klugheit, der Gerechtigkeit, der Tapferkeit und des Maßes, auf die letzten Endes alle sittlichen Handlungen des Menschen zurückgehen. Dabei bedeutet die Klugheit hier nicht Begabung und Intelligenz, deren Vernichtung in vielen Mitgliedern des Widerstandes wir als Verlust für die von uns heute zu leistende Arbeit beklagen müssen, sondern das Urteils- und Unterscheidungsvermögen zum sittlichen Handeln, so dass ohne dieses Unterscheidungsvermögen der gerechte Entschluss, die tapfere Tat und die dem Ausmaß des erkannten Übels gemäße Tat unmöglich sind. Die Betätigung dieser Klugheit deckt sich mit dem Gewissen, dessen Aufgabe es ist, den Menschen durch die Situationen der Geschichte hindurchzulenken, indem es ihm die Wege weist, die er zum Richtigen, zum Guten zu gehen hat. So konnte es für ein Buch über den deutschen Widerstand keinen treffenderen Titel, der zugleich Aussage über das damalige Geschehen sein soll, geben als den Titel „Das Gewissen steht auf“. Es ist damals wirklich in allen Planungen und Taten des Widerstandes das Gewissen aufgestanden, das erkannte, dass die Gerechtigkeit, die die Grundlage des menschlichen Zusammenlebens ist, zertreten wurde. Aber unsere Freunde erkannten auch, dass ihr Gewissen und die Gerechtigkeit nicht vollziehbar waren ohne Tapferkeit, und zwar die höchste Form der Tapferkeit, die, wie bei den ersten Christen das Martyrium, jetzt das Wagnis der äußeren Schande in sich schloss, das bei einem Misslingen der tapferen Tat ihr Andenken bedrohte und das Leben ihrer Liebsten, der hinterlassenen Frauen und Kinder.

Es ist dies meine eigene Erfahrung. Als ich im Januar 1944 mich das letzte Mal von meinem Bruder verabschiedete, ehe ich ins Feld zurückfuhr, sagte er mir: „Wenn unser Vorhaben nicht glückt, bedeutet das Unglück für mich. Wir werden uns dann nicht wiedersehen. Es bedeutet auch Gefahr für dich, für meine Frau und meine Kinder. Wir müssen es trotzdem wagen.“ Wenigstens dieses sollten jene, an die aufgrund ihrer Unkenntnis der damaligen Furchtbarkeiten der Ruf des Gewissens nicht erging, oder die sich durch anderes gebunden fühlten, ohne die Untaten zu bejahen, anerkennen: dass es größerer Tapferkeit bedarf, Ungnade, ja äußere Schande und Verfolgung für eine tapfere Tat in Kauf zu nehmen, zu riskieren, als für eine Tat, die beim Gelingen äußere Ehren, beim Tod einen ehrenvollen Nachruf einbringt. Diese Verpflichtung zum Risiko, die Forderung, sich nicht immer neutral zu verhalten, und damit, entgegen der listigen und feigen Bedrohung, doch mitschuldig zu werden, diese sittliche Verpflichtung und ihre tapfere Beachtung haben uns unsere Freunde vorgelegt. Und sie fordern von denen, die heute in Stellungen stehen, die den ihren gleichen, dass sie im Kleinen und Großen ihnen nachfolgen. Das Maß ihrer Tat war so groß, dass das Unmaß des Bösen, dem sie entgegentraten, Kleinheiten ausschloss. Aber das große Beispiel soll uns im Täglichen Anleitung und Forderung sein.

Die Lage der Zeit von 1944 war unrettbar. Aber nie ist der Einzelne unrettbar. Ihm kann, wie den Männern des 20. Juli, aus dem geschichtlichen Untergang der Auftrag seines persönlichen geschichtlichen Augenblicks erwachsen, sich nicht treiben zu lassen von den Umständen, sondern zu handeln und dadurch dem ihm gestellten Anspruch Gottes zu genügen. Solche Menschen sind es dann, die über einen Untergang hinweg in ein neues Zeitalter hinüberwirken. Wie wirken sie? Durch ihr Beispiel, ihr Bild, das den Nachfahren vor Augen steht. Aber dies Beispiel muss aufgenommen werden, es muss zum Lehrbeispiel für die Nachkommen gemacht werden. Es muss aus der Tat des Gewissens eines Einzelnen oder einer Brüderschaft, wie Botschafter von Hassell seinen Kreis nannte, die dauernd geübte Tugend des Gewissens und der Tapferkeit bei den Nachkommen erwachsen, die unbedingte Befolgung der Ansprüche des Gewissens. Kurz, es muss eine Tradition geschaffen werden.

Die Amerikanerin Dorothy Thompson schreibt in ihrem Buch „Deutsche innere Emigration“: „Wie immer die Geschichte sie beurteilen mag, alles hängt davon ab, wer die Geschichte dieser Männer, die einen Versuch unternahmen, der misslang, schreiben wird: Wenn wir Amerikaner klug wären, sollten wir die Augen des deutschen Volkes auf sie lenken, damit Deutsche wieder auf Deutsche stolz sein können. Denn kein Volk kann ohne Helden leben“. Hier also wird gesagt, dass ein Staat ohne Tradition, ohne Helden nicht lebensfähig ist.

In unserem neuen Anfang gibt es wenig Tradition, auf die wir uns berufen können. Aber auch jeder neue Beginn kann der Tradition nicht völlig entraten. Und damit komme ich zum Dank an den Senat der Stadt Berlin. In dieser Stadt, die eine Insel in der Flut gleichen Unrechts ist, wie wir es in Deutschland von 1933 bis 1945 erlebten, ist der Anruf des Gewissens, der Ruf unserer toten Freunde nicht verhallt. Diese Stadt hört heute noch täglich diesen Ruf, und sie folgt ihm wie am 17. Juni, den Bürgermeister Reuter an dieser Stelle als das Gleiche, als die Fortsetzung des 20. Juli charakterisierte. Der Senat der Stadt Berlin begeht darum jedes Jahr das echte Gedenken beider Tage, des 20. Juli und des 17. Juni, und hat darin schon eine Tradition geschaffen. Es ist daher richtig und eine gern geübte Pflicht, dass ich als Vertreter der Stiftung 20. Juli den Dank dafür laut ausspreche.








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