Ein Akt der Selbstbefreiung

Gerhard Schröder
Ein Akt der Selbstbefreiung
Ansprache des Bundesministers des Innern Gerhard Schröder am 20. Juli 1958 im Ehrenhof des Bendlerblocks in der Stauffenbergstraße, Berlin



Verehrte Versammelte,


im Namen der Bundesregierung möchte ich unser aller tiefes, herzliches Mitgefühl für die Angehörigen derer zum Ausdruck bringen, deren Andenken wir heute hier ehren. Wir erneuern an dieser Stelle unseren Willen, soweit Unrecht durch Hilfe an den Überlebenden und Angehörigen wieder gutgemacht werden kann, dies nach Kräften zu tun und unser Volk dazu aufzurufen.


Verehrte Versammelte, ich glaube, dass jeder, der heute Vormittag hier ist, in dieser Stunde einen Augenblick an den 20. Juli 1944 zurückdenkt, persönlich zurückdenkt, und versucht, sich in Erinnerung zu rufen, wo er war, was er dachte, was er tat. Ich glaube, dass sich daraus ein plastisches Bild des schweren Schicksals unseres Volkes ergeben wird. Ich habe diesen Tag nicht weit von hier als Soldat in einer der Stahnsdorfer Kasernen verlebt. Und als am Abend des 20. Juli plötzlich jene Nachrichten kamen, da schien das Herz einen Augenblick lang stillzustehen. Was war hier geschehen, was hätte sich hier beinahe ereignen können? Worin lag das Besondere nach all dem anderen, schier hoffnungslosen Widerstand der vorausgegangenen Jahre?


Das Besondere lag darin, dass hier Menschen gehandelt hatten, die an den Schalthebeln der wirklichen Macht saßen, die zu befehlen gelernt hatten und befehlen konnten. Das Atemberaubende war die Aussicht, dass wirklich etwas Neues an jenem Tage hätte beginnen können: Die Zurückführung eines Volkes auf seine unvergänglichen Werte. Das Ende der Hybris, das Ende des Wahnsinns schien beinahe gekommen, und zwar nicht durch Intervention von draußen, sondern als ein Akt der Selbstbefreiung. Es ist unserem Volk versagt gewesen, das zu erleben. Es hat seinen Weg bis zum bittersten Ende zurücklegen müssen und es blutet noch immer aus alten und schon wieder aus neuen Wunden.


Was können wir tun, um aus der jüngsten Geschichte für die Zukunft zu lernen? Zunächst wahrscheinlich nur eines: die gründliche, unbestechliche, vollständige Sammlung und Dokumentation des Geschehens jener Jahre, damit heute und in Zukunft niemandem erlaubt ist, die Tatsachen zu leugnen oder sich auf Nichtkenntnis herauszureden. Hierin, so scheint mir, wird ein wesentlicher Beitrag zu dem notwendigen geläuterten Geschichtsbild der Deutschen liegen.


Im Hinblick auf den 20. Juli erkennen wir klar: Nicht die Massen schlechthin sind die Träger geschichtlicher Entwicklung, sondern die Kräfte, die den harten dauerhaften Kern eines Volkes ausmachen. Und etwas von diesem Kern ist am 20. Juli 1944 sichtbar geworden. Das hat uns hoffen lassen, das lässt uns hoffen, deshalb gehen wir diesen Pfad dankbar, ehrerbietig, aufrechten Hauptes.

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