Der Widerstand hatte viele Gesichter.

Michael Müller

Der Widerstand hatte viele Gesichter.

Grußwort des Regierenden Bürgermeisters von Berlin Michael Müller am 20. Juli 2015 in der Gedenkstätte Plötzensee, Berlin

Sehr geehrter Herr Bundesratspräsident,

sehr geehrte Vertreterinnen und Vertreter der anderen Verfassungsorgane, Exzellenzen,

ein besonderer Gruß gilt den Angehörigen der Widerstandskämpferinnen und Widerstandskämpfer gegen den Nationalsozialismus und stellvertretend für die Stiftung 20. Juli 1944 Herrn Dr. Smend und Herrn Professor von Steinau-Steinrück,

meine sehr verehrten Damen und Herren,

Berlin besitzt zahlreiche Erinnerungsorte, die mit dem Nazi-Terror verbunden sind. Orte, an denen der Völkermord an den europäischen Juden geplant wurde, an denen Menschen brutal gequält wurden oder in die Ghettos und Vernichtungslager deportiert wurden. Aber nirgendwo sonst in Berlin zeigt sich der menschenverachtende Charakter der NS-Diktatur so durchgängig wie im Gefängnis Plötzensee. Knapp 3.000 Menschen wurden hier zwischen 1933 und 1945 nach Unrechtsurteilen auf besonders grausame und demütigende Weise hingerichtet – mit dem Handbeil, mit der Guillotine oder aufgehängt an Eisenhaken.

Es waren Rachemorde an Menschen, die sich der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft wiedersetzten. Zu ihnen zählten:

Kommunisten und Sozialdemokraten,

engagierte Christen,

Menschen, die andere Menschen vor Verfolgung schützten,

Widerstandsgruppen wie die Europäische Union, die Rote Kapelle, der Kreisauer Kreis und der 20. Juli.

Vergessen wir nicht, dass die Hälfte der Opfer keine Deutschen waren. Sondern Widerstandskämpfer aus der Tschechoslowakei, aus Polen, aus Frankreich, tatarische Widerstandskämpfer, die sich der Kollaboration mit der Wehrmacht widersetzen.

Plötzensee zeigt, wie breit der Widerstand gegen Hitler war. Dazu zählten Menschen aller sozialer Schichten, unterschiedlicher Herkunft und politischer Einstellung. So verschieden ihre Motive im Einzelnen waren: Sie alle einte der Kampf gegen die verbrecherische Nazi-Diktatur. Sie alle hatten (jeder und jede auf seine und ihre Weise) erkannt, dass aktiver Widerstand zwingend und das Gebot der Stunde war.

Oft waren quälende Selbstprüfungen vorausgegangen, am extremsten bei den Verschwörern vom 20. Juli 1944. Sie mussten sich selbst befreien aus einem erdrückenden Loyalitätskonflikt zwischen dem Gewissen und dem militärischen Gehorsam. Sie hatten – wie es Stauffenberg ausdrückte – nur die Wahl, als Verräter vor dem Gewissen dazustehen oder als Verräter in die Geschichte einzugehen: ein echtes Dilemma, besonders für preußisch geprägte Offiziere.

Aber auch alle anderen, die Widerstand leisteten, wussten um den Preis: Sie riskierten nicht nur ihr eigenes Leben, sondern auch das ihrer Familien und besonders ihrer Kinder, die sie im Falle einer Verhaftung schutzlos zurücklassen mussten.

Den Nazis galt bereits als Volksfeind, wer verfolgten Menschen half. So wie Emma Gumz, die mit ihrem Mann Franz Gumz in Charlottenburg eine Wäscherei betrieb. Über einen Nachbarsohn, der Soldat in Polen war, erfuhr sie, was den deportierten Juden angetan wurde. Und sie sagte: "Frau Deutschkron, Sie nehmen den Stern ab und kommen mit Inge zu uns. Wir verstecken Sie!" So hat es Inge Deutschkron vor einigen Jahren anlässlich einer Gedenkveranstaltung zum deutschen Widerstand berichtet. Sie hat mit ihrer Mutter den Holocaust überlebt, weil Menschen wie Emma und Franz Gumz sie versteckt und beschützt haben.

Ähnlich Erlebnisse haben andere Überlebende überliefert. Von ganz normalen Menschen, die sich in Lebensgefahr brachten, um anderen zu helfen. Aber nicht immer ging das gut aus. So wie bei Josef und Veronika Augustyniak, die als Bauern im polnischen Bokim lebten und dem entflohenen sowjetischen Kriegsgefangenen Fiodor Asarow bei sich versteckten. Sie wurden denunziert, zum Tode verurteilt und in Plötzensee hingerichtet. Josef und Veronika Augustyniak hinterließen eine neunjährige Tochter.

Der Widerstand gegen Hitler – so lernen wir hier in Plötzensee – hatte viele Gesichter. Und wenn wir heute der Opfer gedenken, die so tapfer Zeichen setzten gegen die Unmenschlichkeit, dann fragen wir uns: Wie konnte es sein, dass die große Mehrheit der Deutschen auf Seiten der Nazis stand? Sie ließen geschehen, dass jüdische Familien deportiert wurden, dass Kritiker und Gegner des Regimes von der Gestapo "abgeholt" wurden und nie mehr wiederkamen. Dass Helfer verfolgter Menschen nichts mehr zu fürchten hatten, als die Denunziation durch ihre Nachbarn. Dass ein verbrecherischer Krieg geführt wurde, den die Wehrmacht mittrug.

Hatte die Mehrheit der Deutschen ihren Sinn für Moral und Menschlichkeit verloren? Hatten Sie Angst zu helfen? Waren sie überzeugte Nazis? Hofften sie, von dem Regime zu profitieren? Oder arrangierten sie sich in der Hoffnung, alles werde nicht so schlimm kommen? All diese Motive werden wohl eine Rolle gespielt haben.

Fest steht aber: Ohne den Rückhalt und das Einverständnis mit einem Großteil der deutschen Gesellschaft wären die Verbrechen der Nationalsozialisten nicht ausführbar gewesen.

Und man denkt an ein Wort Ernst Reuters, der am 20. Juli 1952 anlässlich der Grundsteinlegung des Denkmals für die Opfer des 20. Juli 1944 im Ehrenhof des Bendlerblocks sagte: "Groß ist in der Geschichte eines Volkes allein die menschliche Leistung und die menschliche Haltung."

Diese Größe haben in der Zeit des Nationalsozialismus jene Menschen bewiesen, die hier in Plötzensee wegen ihrer Opposition gegen Hitler ermordet wurden. Und mit ihnen zahlreiche andere, die Widerstand gegen die verbrecherische Diktatur leisteten und sich in Lebensgefahr brachten.

Es hat nach 1945 lange gedauert bis die Bedeutung des Widerstandes gegen Hitler ins allgemeine Bewusstsein gelangte. Zu prägend war in der unmittelbaren Nachkriegszeit in Westdeutschland der Einfluss der Mittäter und Mitläufer. Während in Ostdeutschland der kommunistische Widerstand zur Staatsdoktrin wurde.

Besonders die Männer und Frauen des 20. Juli hinterließen ein schweres Erbe und eine große gedenkpolitische Herausforderung. Dass unsere Gesellschaft dieses bedeutende Kapitel ihrer Geschichte aufgearbeitet hat, ist kein geringes Verdienst. Deshalb auch der Dank an alle, die sich für eine gerechte Würdigung des 20. Juli engagierten – hier ist besonders die Stiftung 20. Juli 1944 zu nennen. Ihr Beispiel ist für unsere freiheitlich-demokratische Kultur sehr wichtig. Es zeigt uns, dass der Befreiung vom Nationalsozialismus der Versuch der Selbstbefreiung voranging – gegen alle Gefahr.

Es war zwar nur eine Minderheit, die Widerstand leistete. Aber jeder und jede Einzelne von ihnen ist für uns heute ein Maßstab für Menschlichkeit und Integrität.

Wir verneigen uns vor den Opfern des Widerstandes gegen den Nationalsozialismus.







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