„Es fielen trennende Mauern.“

Klaus Mertes

„Es fielen trennende Mauern.“

Predigt von Pater Klaus Mertes SJ im Rahmen des Ökumenischen Gottesdienstes am 20. Juli 2015 in der Gedenkstätte Plötzensee, Berlin

Gedenken ist mehr als historisches Erinnern. Gedenken ist Vergegenwärtigen. Wir treten aus dem bloßen Kalender-Datum des heutigen Tages, 20. Juli 2015, heraus und lassen uns jetzt von Christus Brot und Kelch reichen als sein hingegebenes Leben. Solches Gedenken hat die Kraft, Tod und Hass zu überwinden, unseren Blick aus der Trauer heraus nach vorne zu richten und uns zu Mitwirkenden am Heil der Welt zu machen. Es geht um mehr als um uns. Das glauben wir, wenn wir hier stehen – ich jedenfalls.

Die Feier des Abendmahls ist verbunden mit der Feier des Lebens und auch des Todes Jesu. In der Weise, wie Jesus starb, wurde sein Ja zum Leben sichtbar, sein Ja zur Würde aller Menschen, und auch sein Vertrauen, das aus dem Sterben, auch aus grausamen Sterben am Kreuz einen Akt des Lebens machen kann: „Vater, in deine Hände lege ich meinen Geist.“ (Lk 23,46) Weil das so war und ist, ist der Tod Jesu nicht bloß Ende von Leben, sondern Anfang von Leben, nicht bloßes von Weiterleben, sondern von neuem Leben. Deswegen ist diese Feier auch wirklich eine Feier. Wir feiern den Tod Christi – und seine Auferstehung, die es uns ermöglicht, auch heute seinen Tod zu feiern – nicht wegen des Todes, nicht wegen der grausamen Umstände seines Todes, sondern deswegen, weil er genau dadurch neues Leben geschaffen hat. Dasselbe dürfen wir auch vom Tod derjenigen sagen, die hier ermordet wurden.

Im Epheserbrief heißt es: „Er ist unser Friede. Er vereinigte die beiden Teile, Juden und Nicht-Juden und riss durch sein Sterben die trennende Wand der Feindschaft nieder.“ (Eph 2,14) Wohlgemerkt: Durch sein Sterben. Dieses Niederreißen der trennenden Mauer ist ein Aspekt des neuen Lebens, das aus diesem – nicht aus jedem! – Tod entsteht. So verstehe ich auch die Erfahrung, die die christlichen Märtyrer des Widerstandes in Deutschland machten. Je näher sie dem Tod kamen, umso mehr fielen die trennenden Mauern, umso mehr wurden sie eins. Was immer sie dazu veranlasste, in den Widerstand gegen die Tyrannei zu gehen, was immer sie an Vorgeschichten mitbrachten, wie rein oder wie vermischt ihre Motive waren – im Widerstand entdeckten sie jedenfalls, dass sie mehr vereinte, als sie je für möglich gehalten hatten. Sie fanden zum gemeinsamen Menschsein. Philipp von Boeselager formulierte in seinem letzten Interview: „Ich hoffe, ich habe das klar gemacht. Ich bin als Nicht-Preuße, Anti-Protestant groß geworden und als Anti-Franzose. Meine Preußenfeindlichkeit hat sich durch Tresckow, Kleist, Oertzen, Schulze-Büttger und diese Kerle gelegt. Ich habe dann die richtigen Preußen kennen gelernt. Und besonders die protestantische Kirche, mit denen wir verfeindet waren, schätzen gelernt, und ich behaupte immer, die Ökumene hatte ihren Ursprung im KZ und im Widerstand.“ Ich stelle die Worte des Protestanten Helmuth James von Moltke daneben, der wegen seines Kontaktes zu Jesuiten und katholischen Bischöfen zum Tode verurteilt wurde: „Dass ich als Märtyrer für den Heiligen Ignatius von Loyola sterbe – und darauf kommt es letztlich hinaus, denn alles andere war daneben nebensächlich –, ist wahrlich ein Witz, und ich zittere schon vor dem väterlichen Zorn von Papi, der doch so antikatholisch war. Das andere wird er billigen, aber das? Auch Mami wird wohl nicht ganz einverstanden sein.“ Es fielen trennende Mauern.

Ich möchte diese Fallen der Mauern als „Frucht“ des Widerstandes bezeichnen. Sie war nicht das geplante Ziel. Die Geschichte der Märtyrer von Plötzensee, die Geschichte der Weißen Rose und vieler anderer zeigt, dass es vor Gott nicht um das Erreichen von geplanten Resultaten geht, sondern um die Frucht. Intendiert war der Widerstand gegen die Barbarei, Frucht war, dass die trennenden Mauern der Konfessionen fielen; weitgehend fielen; im gemeinsamen Sterben hier an diesem und vergleichbar en Orten definitiv fielen. Deswegen sprechen wir auch innerchristlich von einer „Ökumene der Märtyrer“: „Der Ökumenismus der Heiligen, der Märtyrer, ist vielleicht am überzeugendsten. Die Gemeinschaft der Heiligen spricht mit lauterer Stimme als die Urheber der Spaltung.“ (Johannes Paul II, Tertio Millennio Adveniente)

Hören wir diese Stimme heute? Ökumenische Einheit liegt nicht bloß vor uns, sie liegt bereits hinter uns. Wir fallen hinter sie zurück, je weiter der zeitliche Abstand ist, der uns von ihr entfernt. Deswegen ringen wir an diesem Ort immer wieder um die Form der ökumenischen Einheit. Dieses Ringen allein schon ist ein Ausdruck dafür, dass die Stimme uns immer noch bewegt. Das Ringen hat in den letzten Monaten immer wieder auch wehgetan. Keine Form haben wir bisher gefunden, die die Einheit schon ganz und vollkommen ausdrückt. Die Märtyrer sind uns eben mit ihrem Tod voraus, gerade auch im Vollzug der vollen Einheit. Uns bleibt aber ein Auftrag, der über unsere persönliche Trauer hinausweist auf die gesamte Christenheit: „Ein Herr, ein Glaube, eine Taufe.“ (Eph 4,5) Die Trennung der Christenheit ist vor dem Hintergrund des Gebetes Christi im Abendmahlsaal (vgl. Joh 17,21) ein tiefer Schmerz und ein empörender Skandal. Sie ist es auch unter diesen Galgen, an denen wie am Kreuz die trennende Mauer zwischen Christen und letztlich zwischen allen Menschen guten Willens niedergerissen wurde.

Alfred Delp schreibt: „Wenn die Kirchen der Menschheit noch einmal das Bild der zankenden Christenheit zumuten, sind sie abgeschrieben. Wir sollen uns damit abfinden, die Spaltung als geschichtliches Schicksal zu tragen und zugleich als Kreuz. Von den heute Lebenden würde sie keiner noch einmal nachvollziehen.“ Diese Worte wurden im Winter 1944/1945 geschrieben. Ich spüre in diesen Worten eine tiefe Zerrissenheit: „Wir sollen uns damit (= mit der Spaltung) abfinden ... Von den heute Lebenden würde sie keiner mehr nachvollziehen.“ Soll ein Weitergehen tatsächlich nicht möglich sein, wenn doch keiner mehr die Trennungen, die vor Jahrhunderten vollzogen wurden, nachvollziehen kann? Stimmt das überhaupt für mich, dass ich sie nicht nachvollziehen kann? Oder kann ich sie im Unterschied zu Delp und den anderen Märtyrern des Widerstandes doch noch nachvollziehen? Bin ich, der ich hier stehe, schon so weit wie mein Mitbruder Alfred Delp, der so spricht? Und wenn es anders ist: Überschreite ich nicht schon die erste Grenze, wenn ich das heute so ausspreche – dass ich nicht mehr verstehen kann, wieso ich mich von den anderen Christen abgrenzen soll? Dass ich anderen christlichen Konfessionen etwas absprechen soll, was sie angeblich nicht haben? Dass ich nicht begreife, warum immer noch gelehrte theologische Streitereien geführt werden, so als wüssten wir nicht längst, dass Rechthaberei, Pochen auf den Buchstaben, Sturheit und anderer Ungeist auf allen Seiten am Werke ist, wenn Christen sich streiten und Konfessionen sich spalten? Dass ich nicht begreife, warum die Einheit in Respekt vor aller Verschiedenheit am Ende an Identitätsängsten und Machtfragen scheitert?

Tradition ist nicht nur ein Schatz – das ist sie ja auch –, sondern auch eine Last. Ich stimme Alfred Delp zu: Es wäre zu leicht, diese Last einfach abzuwerfen. „Wir sollen die Spaltung tragen als geschichtliches Schicksal und zugleich als Kreuz.“ Wenn wir schon über die Grenzen gehen, dann mit dieser Last. Es geht um Einheit in respektvoller Verschiedenheit. Aber die Einheit in respektvoller Verschiedenheit überwindet dann auch die Spaltung. Das Kreuz der Spaltung wird verwandelt, wenn das Kreuz auf Golgota oder eben auch der Galgen von Plötzensee der Ort wird, an dem die Mauern fallen und die Spaltung überwunden wird. Wir dürfen also gerade hier, an diesem Ort, in der Zerrissenheit weitergehen – und jedenfalls nicht stehen bleiben.

Es gibt Zeugnisse der Ermordeten des Widerstandes, die zeigen, dass sie in der Konfrontation mit den Vertretern der Barbarei etwas entdeckten, was ich die Macht Gottes über die Geschichte nennen möchte. Es ist nicht leicht, das auszudrücken, ohne sich Risiken des Missverständnisses auszusetzen. Ich versuche diese Erkenntnis so zu formulieren: Nicht die Mächtigen machen die Geschichte, und schon gar nicht die Mächte des Bösen, sondern Gott. Das gilt für das Kreuz von Golgota, und das gilt für die Galgen von Plötzensee. Deswegen sind Kreuz und Galgen auch Zeichen der Hoffnung.

Im Johannesevangelium spricht Kajaphas das Todesurteil über Jesus mit den Worten aus: „Es ist besser, das einer für das Volk stirbt, als dass das ganze Volk zugrunde geht.“ Der Evangelist fügt hinzu: „Das sagte er nicht aus sich selbst, sondern weil er Hohepriester jenes Jahres war, sagte er aus prophetischer Eingebung, dass Jesus für das Volk sterben würde.“ (Joh 11,51) Genauso sagt Freisler seinen christlichen Gegnern: „Eines haben wir Nationalsozialisten und das Christentum gemeinsam: Wir fordern den ganzen Menschen.“ Aus dem Mund des Blutrichters kommt ein wahres Wort heraus, dessen tiefe Wahrheit er selbst gar nicht begreift. Und auch hier vollzieht er die Unterscheidung in Katholik, Protestant oder Orthodoxer nicht. Er spricht einfach vom Christentum. Papst Franziskus sagte kürzlich im einem US-amerikanischen Sender folgendes: „Die Trennung der Christen ist eine Wunde im Leib der Kirche Christi. Wir wollen nicht, dass diese Wunde bleibt. Die Trennung ist das Werk des Vaters der Lügen und der Zwietracht, der mit allen Mitteln versucht, die Christen zu entzweien ... Er weiß genau, dass die Christen im Glauben an Jesus Christus bereits vereint und Brüder und Schwestern sind. Deshalb überzieht er sie unterschiedslos mit Verfolgung. Ihn kümmert es nicht, ob sie Evangelikale oder Orthodoxe, Lutheraner, Katholiken oder Apostolische Christen sind. Dieses Blut vereint sich.“ (Papst Franziskus, radiovaticana. va/news/2015/05/24)

Man könnte es auch so sagen: Die Feinde der Christenheit interessierte damals wie heute nicht, ob einer Katholik oder Protestant oder etwas anderes derartiges ist. Die Unterschiede sind ihnen gleichgültig. Sie haben mehr vom Christentum begriffen als sie ahnen. Sie sehen das Gemeinsame und bekämpfen es. Ich nehme das als Zusage. Der Spruch des Kajaphas war eine Zusage an den Evangelisten; er erkannte dadurch etwas über den Tod Jesu. Die Worte Freislers waren eine Zusage an Moltke; er begriff etwas über den tiefsten Grund seiner Ermordung. Die Gewalt gegen Christen und überhaupt gegen Menschen guten Willens heute hat uns etwas über uns selbst zu sagen, auf das wir mit geistlicher Unterscheidung eingehen sollten. Denn es zeigt sich in der Zusage ein Auftrag, der gerade nicht den Intentionen der Kajaphasse und Freisslers entspricht und sie damit entmachtet. Gott ist der Herr der Geschichte, nicht die Tyrannen.

Lasst uns also in dieser Feier zusammen sein und soviel von der Einheit mit Christus und mit den ermordeten Vorfahren im Glauben leben, wie uns jetzt und heute möglich ist – jedem und jeder von uns in der ihm oder ihr jetzt möglichen Weise. Und es möge daraus eine Kraft wachsen, die uns nicht auf diesen Ort fixiert, sondern uns auch formt zu Menschen des Widersprechens und Widerstehens gegen Barbarei, Spaltung, Feigheit und Gewalt.






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