Die Bedeutung des 30. Juni 1934

Gedenkstätte Deutscher Widerstand

Charles Bloch

Die Bedeutung des 30. Juni 1934

Gedenkrede von Prof. Dr. Charles Bloch am 20. Juli 1972 in der Bonner Beethovenhalle

In den Abendstunden des 30. Juni 1934 erfährt die Öffentlichkeit, dass ein Putsch gegen die Reichsregierung geplant worden war, aber der Kanzler Hitler und sein treuer Mitarbeiter Göring beizeiten energische Maßnahmen ergriffen haben, um in letzter Minute diesen verbrecherischen Plan zu vereiteln. Hierbei waren sie durch die Umstände genötigt, die wichtigsten Rädelsführer ohne Gerichtsverfahren erschießen zu lassen. Am nächsten Tage werden die Namen einiger der bestraften Verschwörer bekannt: die Generale von Schleicher und von Bredow, vor allem aber die prominentesten Persönlichkeiten der SA, der Stabschef Röhm und die obersten SA-Führer in den verschiedenen Teilen Deutschlands. Millionen von Deutschen sind vor den Kopf geschlagen. Wie ist dies möglich? Ist die SA nicht die ergebenste Gefolgschaft des Führers? Doch Hitler gibt schon am 1. Juli die Erklärung: die erschossenen Meuterer waren nicht nur Hochverräter, sondern sie haben auch seit vielen Jahren durch ihre Laster und ihr Lotterleben den Namen der SA entehrt. In einem Aufruf verlangt er von nun an blinden Gehorsam und vorbildliche Haltung aller Führer und Mitglieder der SA. Am nächsten Tage beglückwünscht der greise Reichspräsident von Hindenburg Hitler und Göring, das deutsche Volk aus einer schweren Gefahr gerettet zu haben. Schon vorher hat der Reichswehrminister General von Blomberg in einem Tagesbefehl erklärt, der Führer habe mit soldatischer Entschlossenheit und vorbildlichem Mut die Verräter und Meuterer niedergeschmettert. Am 3. Juli schließlich nimmt der Ministerrat auf Antrag des Justizministers ein Gesetz an, dass die vollzogenen Maßnahmen als Staatsnotwehr rechtens sind.

Vor all diesen Autoritäten beugt sich der Großteil der deutschen Öffentlichkeit und akzeptiert die offizielle Version, wenn auch das Fehlen der Gerichtsbarkeit zuweilen bedauert wird; Not kennt eben kein Gebot. Allmählich erfahren jedoch gut informierte Persönlichkeiten, dass die Zahl der Opfer des Blutbades weit größer war, als offiziell zugegeben; heute weiß man, dass sie sich auf 150 - 200 belief. Sie entstammen den verschiedensten Kreisen. Die SA-Führer hatten in der Tat als wilde Terroristen gewütet und schwere Verbrechen begangen, aber diese waren von Hitler gebilligt worden. Der Grund ihrer Ermordung war ein ganz anderer. Viele SA-Männer fühlten sich in ihren Hoffnungen getäuscht. Sie hatten eine Änderung der sozialen Zustände angestrebt und in diesem Sinne die „Zweite Revolution“ verlangt. Ein Teil der Führung und in erster Linie Röhm hatten auch aus der SA eine Massenmiliz machen wollen, die an Stelle des traditionellen Berufsheeres hätte treten sollen. Die Nationalsozialisten der ersten Stunde hatten Hitlers Zusammengehen mit der Reichswehr und den Kapitalisten kritisiert und beabsichtigt, ihn zu beeinflussen und für ihre Ziele zu gewinnen. Aber keiner von ihnen hatte an eine Auflehnung gegen ihn gedacht. Im Gegenteil, die SS hatte im Einverständnis mit Hitler falsche Gerüchte über einen bevorstehenden SA-Putsch verbreitet mit der Absicht, die Zustimmung der Reichswehr zur brutalen Form des Massakers zu gewinnen.

Hingegen hatte General von Schleicher wohl den Sturz des nationalsozialistischen Regimes geplant, desgleichen einige Monarchisten wie der Sekretär des Vizekanzlers von Papen, Edgar Jung. Andere mutige Gegner der Diktatur, die Opfer des Blutbades wurden, waren Journalisten, Juristen und Beamte, wie der Leiter der „Katholischen Aktion“ Dr. Klausener, die zum Teil viele der nationalsozialistischen Verbrechen kannten. So wurden gleichfalls Mitwisser, aber auch einige Mittäter, der ersten Provokation des Regimes, des Reichstagsbrandes, umgebracht. Schließlich rächten sich Hitler und Göring auch an früheren Feinden und Rivalen, wie an Gregor Strasser und dem ehemaligen bayrischen Ministerpräsidenten von Kahr.

Obgleich Hitler den Mordtaten den Anschein einer blitzschnellen spontanen Aktion geben wollte, ging er hier im Wesentlichen nach einem reiflich überlegten Plan skrupellos vor, wenn auch einige Improvisationen letzter Minute in den Einzelheiten hinzu kamen. Genauso wird er später bei seinen zahlreichen Aggressionen gegen fremde Staaten vor und während des Zweiten Weltkrieges handeln. Allerdings hatte er wohl die völlige Liquidierung der SA als politischen Faktor kaum beabsichtigt. Er hätte sie gern als Gegengewicht zur Reichswehr bewahrt, um als oberster Schiedsrichter zwischen ihnen aufzutreten, wie er überhaupt seine persönliche Macht gemäß dem Prinzip „divide et impera“ aufbaute. Aber die Reichswehr verlangte die Beseitigung der SA, und sie stellte damals noch einen erheblichen Machtfaktor dar. Hitlers Hauptziel war von Anfang an der Krieg und die Eroberung ganz Europas; seine Innenpolitik nach der Errichtung der Diktatur war diesem außenpolitischen Primat untergeordnet. Er brauchte die Reichswehr mit ihrer fachmännischen Erfahrung zur militärischen wie die Großindustrie zur wirtschaftlichen Vorbereitung des Krieges. Deshalb opferte er diesen Kräften zynisch und treulos seine Mitkämpfer aus schwerer Zeit ...

Keinesfalls jedoch darf man Hitler als den Getriebenen oder den Irregeführten bei dem Massaker darstellen, wie es eine gewisse tendenziöse Literatur tut, deren Autoren meistens ehemalige Nationalsozialisten sind. Er sah genau die Zusammenhänge; nachdem er seine Entscheidung getroffen hatte, führte er die Aktion mit aller Grausamkeit durch. Er akzeptierte die Forderung der Reichswehr, verstand es aber mit meisterhafter Gerissenheit, dieses Zurückweichen in seinen Triumph umzuwandeln. Denn nicht nur beseitigte er durch Mord zahlreiche seiner persönlichen und politischen Gegner, die mit der SA nichts gemein hatten, sondern er erhielt auch von der Reichswehr den Preis, die Nachfolge Hindenburgs, d. h. praktisch die Alleinherrschaft in Deutschland. Es gelang ihm seinerseits, die Reichswehr irrezuführen und sich ihre Treue zu sichern u. a. durch den Eid der Offiziere und Soldaten auf seinen Namen ...

Den Zeitgenossen aber, mit verschwindenden Ausnahmen, waren diese Zusammenhänge nicht klar. Im Gegenteil, die Mehrheit der deutschen Öffentlichkeit, vor allem des Bürgertums, empfand eine Erleichterung. Der offene Terror der SA auf der Straße war verschwunden und nach außen hin „Ruhe und Ordnung“ wiederhergestellt. Es wurde allgemein von einem „reinigenden Sturm“ gesprochen. Man wollte nicht zur Kenntnis nehmen, dass durch die Mordtaten und ihre Billigung seitens der höchsten Autoritäten des Reiches Deutschland offiziell aufgehört hatte, ein Rechtsstaat zu sein. Unter den kirchlichen Würdenträgern, Lehrern, Wissenschaftlern, Schriftstellern, Künstlern, soweit sie nicht emigriert waren, und Juristen, die berufen waren Recht und Menschenwürde zu verteidigen, fand sich damals keine öffentliche Proteststimme. Nur einzelne Geistliche und Militärs bemühten sich insgeheim und erfolglos um die Rehabilitierung einiger Opfer des Massakers.

Abgesehen vom moralischen Versagen der gehobenen und gebildeten Schichten Deutschlands in dieser tragischen Stunde, zeigte ihre Haltung eine völlige Verkennung der Tragweite der Ereignisse und der wahren Absichten Hitlers. Man glaubte, die nationalsozialistische Herrschaft habe sich nunmehr gefestigt, aber auch ihre Grenzen gefunden. Man sah nicht, dass in einem allmählichen, unmerklichen Prozess der Diktator seinen Machtbereich ständig erweiterte und so den totalitären Staat schuf. Als einige Persönlichkeiten dies schließlich erkannten und der Tyrannei Einhalt gebieten wollten, war es zu spät. An Stelle des wilden, anarchistischen Wütens der SA kam der organisierte, systematische Terror der SS und der Gestapo, der sich als viel wirksamer erwies. Er kontrollierte das Leben jedes einzelnen Bürgers und hatte schließlich seine furchtbarste Auswirkung in Dachau, Buchenwald, Treblinka und Auschwitz und den anderen Vernichtungslagern während des Zweiten Weltkrieges ...

Zu spät werden sich einige mutige und aufrechte Offiziere, deren Andenken wir heute feiern, zum Versuch aufraffen, die Gewaltherrschaft zu stürzen. Das tragische Misslingen des Aufstandes wird zur tiefsten Erniedrigung führen, die je eine Streitmacht von den Händen eines Despoten erlitt. Auch die Kirchen sollten bald Grund haben, das Schweigen ihrer meisten Würdenträger angesichts der nationalsozialistischen Verbrechen zu bereuen.

Im Ausland, wo die Gestapo noch nicht ihren Terror auszuüben imstande war, konnten weite Kreise der Öffentlichkeit ihre Entrüstung zum Ausdruck bringen. Aber auch hier verkannte man im Allgemeinen die wahre Bedeutung des Geschehens und wollte nicht sehen, dass nicht nur dem deutschen Volke, sondern auch den anderen europäischen Nationen die schlimmste Knechtschaft drohte. Nicht einmal die Ermordung des Kanzlers Dollfuß einen Monat später und die damit verbundene offene Bedrohung der Unabhängigkeit Österreichs veranlassten die meisten Staatsmänner zu den wirksamen Maßnahmen, die den Frieden hätten beizeiten retten können. Fast die einzige rühmliche Ausnahme war der französische Außenminister Barthou, der seinerseits drei Monate später ermordet wurde. Zu wirklicher Energie rafften die Mächte sich erst auf, als die Katastrophe des Zweiten Weltkrieges bereits unvermeidlich geworden war ...

Es ist bedauerlich, dass eine gewisse apologetische Literatur sich bemüht, die Verbrechen Hitlers abzustreiten oder sie zumindest zu verkleinern. Wir erwähnten dies bereits im Zusammenhang mit der persönlichen Verantwortung Hitlers für das Blutbad des 30. Juni. Noch deutlicher manifestiert sich diese Tendenz anlässlich der ersten Missetat des nationalsozialistischen Regimes, dem Reichstagsbrand. Man versucht zu leugnen, dass es sich hier um eine systematische Provokation Hitlers und Görings mit Hilfe der SA und der SS handelte, mit der Absicht, den Terror in Deutschland zu entfesseln, die gegnerischen politischen Parteien und Organisationen eine nach der anderen zu beseitigen und die Demokratie endgültig zu zerstören ... Das „Europäische Komitee zur wissenschaftlichen Erforschung der Ursachen und Folgen des Zweiten Weltkrieges“, das ich die Ehre habe, hier zu repräsentieren, weist die Unhaltbarkeit dieser Behauptung in einer dreibändigen Dokumentation nach ...

Die Männer des Widerstandes, die aus allen Schichten der Gesellschaft stammten und in vielen Punkten ganz verschiedener Meinung waren, hatten ein gemeinsames Ideal: die Wiederherstellung des Rechtsstaates. Sie erkannten, dass, wenn die Verletzung des Rechtes und der Prinzipien einer demokratischen Verfassung geduldet werden, wie es 1933 und in besonders krasser Form am 30. Juni 1934 geschah, das Leben und die Freiheit jedes Einzelnen bedroht sind. Wenn erst ein Präzedenzfall in dieser gefährlichen Richtung zugelassen wird, so kann dem Unheil später schwer Einhalt geboten werden; daher ist hier äußerste Wachsamkeit unerlässlich. Diese Erkenntnis hat sich in der Bundesrepublik Deutschland durchgesetzt und vor allem wird die Jugend heute fast allgemein in diesem Geiste erzogen. So sind die Widerstandkämpfer nicht umsonst gestorben. Gestatten Sie mir, meine Damen und Herren, als israelitischer Bürger, meine tiefe Genugtuung hierüber zum Ausdruck zu bringen.






Weitere Reden

20.07.1972
 Karl Ibach
Karl Ibach
20.07.1972
Prof. Dr. Horst Ehmke
Prof. Dr. Horst Ehmke
20.07.1972
Franz Ludwig Schenk Graf von Stauffenberg
20.07.1972
 Karl Ibach
Karl Ibach