Die Opfer waren nicht umsonst

Gedenkstätte Deutscher Widerstand

Annemarie Renger

Die Opfer waren nicht umsonst

Ansprache der Bundestagspräsidentin Annemarie Renger am 20. Juli 1976 in der Stadthalle Bonn-Bad Godesberg

Der 20. Juli 1944 war der tragische Höhepunkt eines Widerstandes, der von vielen Deutschen vom Beginn der Hitlerschen Machtübernahme an unter schwersten Opfern geleistet wurde.

Er war der letzte verzweifelte Versuch, in fast aussichtsloser Situation den totalitären Unrechtsstaat von innen heraus zu stürzen, zu retten, was noch zu retten war, um fünf Minuten vor zwölf dem eigenen Volk und der Welt ein sichtbares Zeichen von der lebendigen Existenz des „anderen Deutschlands“ zu geben und damit die Legitimation für einen Neubeginn nach dem Tod des Tyrannen zu haben.

Diese Erhebung gegen das Unrecht wurde von Gruppen aus allen Schichten der Bevölkerung getragen.

In ihr hatten sich Arbeiter, Offiziere und Beamte, Konservative, Liberale und Sozialdemokraten, Gewerkschaftler, Männer und Frauen der Kirchen und aller Glaubensrichtungen zu gemeinsamem Handeln zusammengefunden.

Diese Gemeinsamkeit sollte auch für den Neubau Deutschlands Gültigkeit haben.

So schrieb Jacob Kaiser zum Todestag von Wilhelm Leuschner am 29. September, mit dem er zusammen eine einheitliche Gewerkschaftsbewegung schaffen wollte: „Wir sahen in einer gesunden Synthese von Sozialismus und Freiheit den richtigen Weg für das deutsche Volk. Das war auch die Auffassung von Wilhelm Leuschner, die er mit ebensoviel Freimut und Beharrlichkeit vertrat.“

Das gescheiterte Attentat, das so grauenvolle Opfer forderte, brachte nicht die Wende.

Und die Kriegsgegner Hitlers, die Alliierten, unterstützten zwar jede außerdeutsche Widerstandsbewegung, den deutschen Widerstand wollten sie aber möglichst nicht zur Kenntnis nehmen.

Lange Zeit war sich die Öffentlichkeit, auch in der westlichen Welt, gar nicht richtig bewusst, dass der 2. Weltkrieg als die bisher größte politische und ideologische Auseinandersetzung in der Welt, die mit Waffen ausgetragen wurde, ein Krieg zwischen Nationen und ein Bürgerkrieg war.

Man erkannte nicht, dass es sich um eine geistige, weltanschauliche, ideologische Auseinandersetzung globalen Ausmaßes handelte, deren Fronten auch quer durch die Nationen liefen.

Auch im Ausland hat es ja Gruppen gegeben, die mit Hitler-Deutschland kollaborierten, unter ihnen bekannte Intellektuelle und Publizisten, Künstler und Schriftsteller. Aber im besetzten Ausland konnte sich der Widerstand auf die eigene Nation berufen, deren Freiheit nur im Kampf gegen Hitler und seine Fremdherrschaft wiederzugewinnen war.

In Deutschland hingegen konnte der Widerstand gegen Hitler nicht die Befreiung der Nation von einer Fremdherrschaft proklamieren; er konnte sich nicht auf die Solidarität der Nation stützen.

Vielmehr musste der Widerstand gegen ein Regime und eine Staatsautorität geführt werden, die – zumindest in den Jahren der äußeren Erfolge – von einer Mehrheit der Bevölkerung getragen wurden. Und im Kriege mussten die Widerstandskämpfer auch noch die schwere innere Belastung auf sich nehmen, nicht voraussehen zu können, ob sie durch ihr Handeln in der aktuellen Kriegssituation nicht zugleich auch das Leben vieler Unschuldiger ihres eigenen Landes mit aufs Spiel setzten.

Diesen Konflikt gab es im besetzten Ausland nicht. Der Widerstand konnte sich dort – auch wenn es von der Besatzungsmacht eingesetzte oder tolerierte Regierungen gab – stets gegen den fremden Unterdrücker, den Feind der Nation richten und sich in diesem Kampf begründen.

Die deutsche Widerstandsbewegung dagegen konnte ihre innere Rechtfertigung allein aus ihrem moralischen Fundament und ihrer Überzeugung gewinnen, dass die Beseitigung der Diktatur als Voraussetzung für die Wiederherstellung von Freiheit, Recht und Demokratie für das Wohl der eigenen Nation unabdingbar sei.

Widerstand – das war die verkörperte Kontinuität von Demokratie und Menschenwürde im Unrechtsstaat. Insofern war der deutsche Widerstand, der im Attentat des 20. Juli 1944 gipfelte, ein nationaler Aufstand, auch wenn er sich nicht auf die Solidarität der ganzen Nation stützen konnte.

Er ist ein nationales Ereignis, mit dem wir uns als Deutsche in unserem Staat mit seiner freiheitlichen demokratischen Rechtsordnung verbunden wissen. Dabei müssen wir das Ereignis zugleich in einem Zusammenhang mit jener großen globalen Bewegung sehen, die im 18. Jahrhundert begonnen hat und die wir heute als die Auseinandersetzung zwischen Totalitarismus und freiheitlichem Rechtsstaat bezeichnen können.

Der 20. Juli zählt zu den großen Daten in der Geschichte dieser Auseinandersetzung. Wer der Widerstandsbewegung gedenkt, muss sich auch mit der bedrückenden Tatsache auseinandersetzen, dass diese Bewegung bis zuletzt in der Minderheit blieb. Die Ursachen hierfür sind vielfältig. Schon in der Weimarer Republik hatte es zu wenig Demokraten gegeben, die bereit waren, die Demokratie zu verteidigen. „Leider“, so sagte Fritz Erler, der verstorbene langjährige Vorsitzende der sozialdemokratischen Bundestagsfraktion, hierzu, „stand ein allzu großer Teil unseres Volkes den Vorgängen im Jahre 1933 verständnislos gegenüber. Die Enttäuschung über die Schwäche der demokratischen Republik und das Elend der Weltwirtschaftskrise führten zu einem unverdienten Vertrauensvorschuss für die neuen Herren.

Allzu leichtgläubig übersah man die Sturmzeichen und schloss die Augen vor jener Verfolgung, die einen nicht direkt selbst betraf, und vor der bald erkennbaren Vorbereitung eins Angriffskrieges.“ Soweit Fritz Erler.

Hinzu kam natürlich die Verführung großer Teile der Bevölkerung durch eine mit allen Mitteln der Demagogie und Propaganda arbeitende ideologische Beeinflussung.

Aber all dies reicht zur Erklärung nicht aus. Vielmehr muss man sich insbesondere vor Augen führen, dass sich die Menschen in unserem Lande einem nahezu perfekt organisierten Überwachungs- und Unterdrückungsapparat ausgesetzt sahen, der darauf angelegt war, jeden auch nur leisesten Widerstand im Keime zu ersticken und Angst vor der Willkür einer durch keinerlei Rechtsschranken gehemmten Machtausübung zu verbreiten.

Unter solchen Bedingungen gehörte ein außerordentliches Maß an Mut, Entschlossenheit, Willensstärke und Opferbereitschaft dazu, nur auf das eigene Gewissen, die eigene Überzeugung gestellt, Widerstand zu leisten und dabei oft zugleich auch die Familie und die Gesinnungsfreunde zu gefährden.

Die Männer und Frauen des Widerstandes haben dieses schwere Schicksal auf sich genommen.

Und wenn ich hier von Frauen spreche, so denke ich nicht nur an die aktiven Widerstandskämpferinnen, sondern auch an die vielen Tausende, die als Gefährtinnen ihrer im Widerstand stehenden Männer Mitwissende waren und deren Denken und Handeln politisch wie moralisch unterstützten und mittrugen.

Auch das gehört in die Annalen des deutschen Widerstandes. Auch wenn der deutsche Widerstand erfolglos blieb – und es ist bis zum heutigen Tage noch nie gelungen, ein totalitäres, also nicht bloß diktatorisches Regime, von innen heraus zu Fall zu bringen – so war dieser Widerstand doch nicht vergeblich.

Die Widerstandskämpfer haben der Welt die Unbezwingbarkeit des Freiheitswillens und der demokratischen Idee in Deutschland vor Augen geführt.

Der deutsche Widerstand gehört, wie Winston Churchill in einer Rede im britischen Unterhaus im Herbst 1946 sagte, „zu dem Edelsten und Größten, was in der politischen Geschichte aller Völker je hervorgebracht wurde ... Ihre Taten und Opfer sind das unzerstörbare Fundament eines neuen Aufbaues.“ Unser Volk hat in der Bundesrepublik Deutschland diesen Aufbau vollzogen.

Er hat sich eine Verfassung gegeben und eine staatliche Ordnung geschaffen, durch die ein in der deutschen Geschichte zuvor nicht gekanntes Maß an Freiheit, Gerechtigkeit und Demokratie verwirklicht werden konnte.

Ich glaube sagen zu können, dass wir Deutschen aus unseren geschichtlichen Erfahrungen gelernt haben. Wenn wir heute der Männer und Frauen des 20. Juli gedenken und ihre Opfer beklagen, so sind sie uns Mahnung und Auftrag zugleich: Freiheit und Demokratie als unser Lebenselement zu verteidigen gegen jedermann.







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