„Sie waren Helden.“

Gedenkstätte Deutscher Widerstand

Klaus Wowereit

„Sie waren Helden.“

Grußwort des Regierenden Bürgermeisters von Berlin Klaus Wowereit am 20. Juli 2013 in der Gedenkstätte Plötzensee, Berlin

Meine sehr verehrten Damen und Herren,

wir sind zusammengekommen, um der tapferen Frauen und Männer des 20. Juli zu gedenken, die ihr Leben im Widerstand gegen Hitler eingesetzt haben. Das Attentat auf Hitler heute vor 69 Jahren, am 20. Juli 1944, war eine Tat von beispiellosem Mut. Und doch ist es kein einfaches Gedenken.

Verblendung und Verwicklung, Selbstbefreiung, heroischer Widerstandswille und tragisches Scheitern: Was die Männer und Frauen des 20. Juli durchlebt und durchlitten haben, bewegt uns auch heute, 69 Jahre nach dem gescheiterten Attentat auf Hitler.

Und erst recht in diesem Jahr, da sich das Gedenken der Machtübertragung an Hitler zum 80. Mal jährt. Viele Menschen fragen: Warum haben sich Hitlers Gegner nicht schon im Frühjahr 1933 gegen ihn erhoben? Warum haben die Deutschen den nach dem 30. Januar unmittelbar einsetzenden Terror gegen Juden und politische Gegner geduldet? Die NSDAP hatte doch bei keiner Reichstagswahl eine Mehrheit gewinnen können – wo waren die vielen Bürgerinnen und Bürger, die nicht zu Hitlers Anhän-gern zählten?

Solche Fragen sind berechtigt. Historiker geben darauf zahlreiche Antworten. Sie verweisen

auf die gespaltene und paralysierte Arbeiterbewegung,

auf den verbreiteten Verdruss an der Weimarer Republik,

auf Bürgerinnen und Bürger, die zwar nicht für Hitler waren, sich aber der Faszination jener Januartage nicht entziehen konnten und vieles mehr.

Man muss diese Erklärungen hinnehmen. Wirklich befriedigen können sie nicht.

Schauen wir auf die Männer und Frauen des Widerstandes, dann ergibt sich ebenfalls kein einheitliches Bild:

Junge Offiziere wie Stauffenberg und Tresckow, die den Versailler Vertrag als Schmach erlebten, haben Hitlers Machtantritt begrüßt.

Hans von Dohnanyi hatte dagegen schon vor 1933 im Nationalsozialismus „eine Gefahr für die christliche Kultur Europas“ gesehen.

Der sozialdemokratische Reichstagsabgeordnete Julius Leber, ein Nazi-Gegner durch und durch, war bereits kurz nach dem 30. Januar verhaftet worden. Dennoch glaubte er in der Haft vorübergehend, dass man Hitler eine Chance einräumen müsse, die soziale Frage zu lösen, an der die SPD gescheitert sei.

Unterdessen wurde die vielleicht letzte Chance vertan, Hitler zu stoppen. Die Reichswehrführung war sich nicht einig, ob sie eine Kanzlerschaft Hitlers hinnehmen wollte. Man war beunruhigt, weil Hitler gerade bei jungen Soldaten so gut ankam. Aber man ließ den Dingen ihren Lauf.

Dabei gehörten die Generäle zu den wenigen, die genau wussten was Hitler wollte. Bereits am 3. Februar 1933 legte Hitler seine Pläne vor den Spitzen der Reichswehr in aller Offenheit dar. Aber die Generäle ließen es ihm durchgehen. Sofern sie nicht mit seinen Zielen sympathisierten, hielten sie ihn für etwas übergeschnappt. Welch eine Verblendung.

Im Frühjahr 1933 wäre die nationalsozialistische Gewaltherrschaft vielleicht noch zu verhindern gewesen. Danach zog sich die Schlinge immer weiter zu: Die Bücherverbrennungen, die Ausgrenzung und Verfolgung der Juden, die Reichspogromnacht, der verbrecherische Krieg, die Ermordung der europäischen Juden. In der Rückschau entfaltet die Nazi-Herrschaft eine unaufhaltsame und immer brutalere Wucht.

Was konnte da ein Anschlag auf den Diktator überhaupt ausrichten? Solche Fragen werden den Frauen und Männern des 20. Juli nicht gerecht. Das Attentat auf Hitler war eine Entscheidung des Gewissens – gegen das eigene Herkommen und gegen viele Traditionen, durch die vor allem die militärischen Angehörigen des Widerstandes geprägt waren. Es war ein beispielloser Akt der Selbstbefreiung, aber auch ein Schritt auf unbekanntes Terrain. Man spürt es in den Äußerungen der Widerstandskämpfer – klar und entschieden im Willen zur Tat, tastend und unsicher, was die Zeit danach anging.

„Es ist Zeit, daß jetzt etwas getan wird. Derjenige allerdings, der etwas zu tun wagt, muß sich bewußt sein, daß er wohl als Verräter in die deutsche Geschichte eingehen wird. Unterläßt er jedoch die Tat, dann wäre er ein Verräter vor seinem eigenen Gewissen. [...] Ich könnte den Frauen und Kindern der Gefallenen nicht in die Augen sehen, wenn ich nicht alles täte, dieses sinnlose Menschenopfer zu verhindern.“ So hat es Claus Schenk Graf von Stauffenberg kurz vor dem 20. Juli ausgedrückt. Es ist auch ein Zwiegespräch, das Stauffenberg mit uns, den Nachgeborenen, führt. Seht her, scheint er zu sagen, wir konnten nicht anders. Betrachtet unsere Beweggründe und urteilt dann.

Es ist kein leichtes Erbe, das uns der 20. Juli hinterlassen hat. Für die einen waren sie „Junker und Aristokraten“, für andere „Vaterlandsverräter“, wieder andere hielten ihren Widerstand für zu spät und vergeblich.

Heute trägt dagegen die konsequente Aufarbeitung des Widerstands gegen Hitler Früchte. Und wir können die Männer und Frauen des Deutschen Widerstandes als das ehren, was sie sind – mit einem Wort, das uns in unserem postheroischen Zeitalter nicht leicht von den Lippen geht, hier aber seinen Sinn und Zweck hat:

Sie waren Helden.

Wir verneigen uns vor den aufrechten Frauen und Männern des Widerstandes.







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