Unser aller Verantwortung

Alfred Mozer

Unser aller Verantwortung

Rede des Kabinettschefs der EWG-Kommission Alfred Mozer am 19. Juli 1966 in der Gedenkstätte Plötzensee, Berlin

Diese erschütternde Gedenkstätte weckt widerstreitende Gefühle: Grauen vor der gewissenlosen Menschenverachtung machtbesessener und blutdürstiger Verbrecher, Respekt vor dem bis zum letzten Opfer bereiten Mut der bekannten und unbekannten Soldaten und Bürger des Widerstandes.

Drei Gegebenheiten will ich meinem Bekenntnis an dieser Stelle und zu dieser Stunde vorausschicken: Ich habe kein Bedürfnis aufzuzählen, welche Verbrechen dieses „Tausendjährige Reich“ an vielen Millionen Europäern verschiedener Nationalitäten begangen hat. Es lebt eine Generation noch in dieser alten Welt, deren Leben gezeichnet wurde von diesem Ausbruch der Unmenschlichkeit. Noch sind Millionen Menschen in Mittel- und Osteuropa durch die Schuld dieses Systems unter anderen und doch verwandtem Vorzeichen weiterhin der Freiheit und Menschenwürde beraubt. Und schließlich muss man schweigend vor der ewigen Flamme im Mahnmal zu Jerusalem gestanden haben, um jenes unermessliche, jeder menschlichen Phantasie und jedem normalen Fassungsvermögen trotzende Leid wenigstens zu ahnen, das jener Rassenwahnsinn millionenfach über Männer und Frauen, Greise und Kinder, über Menschen, die das Ebenbild Gottes sein sollen, bis in den grausamen Tod gebracht hat.

Eine weitere selbstverständliche Gegebenheit ist, dass dieses Berlin-Plötzensee, diese erschütternde Gedenkstätte, mit in dieser Stunde stellvertretend gilt für jeden Widerstand, wo immer er geleistet wurde, im Namen der Menschenwürde und im Dienste der Freiheit.

Und schließlich: Diese Stunde soll nicht nur Erinnerung sein. Schlimm und hoffnungslos wäre es um die Werte bestellt, denen die hier Ermordeten ihr Leben geopfert haben, wenn wir nur einer Achtung und Hochachtung an dieser Stätte und zu dieser Stunde genügen wollten, um dann unbezogen auf das hier Geschehene unseren Alltag fortsetzen bis zur nächsten Gedenkstunde. Die so oft zitierte unbewältigte Vergangenheit lässt sich doch nur bewältigen eben als eine Bewältigung der Zukunft.

Zwei Aussagen möchte ich als richtungsweisend für die europäische Zukunft stellen. Die eine fand ich als Schlussfolgerung im Bekenntnisbuch eines selbstkritischen Mannes des deutschen Widerstandes: „zu wenig und zu spät“. Die andere Aussage ist heute als Schlagwort bereits Gemeingut geworden, nämlich: „Die Jahre hinter uns sind ein Zeitalter europäischer Bürgerkriege.“

Wenn die zweite Aussage, die von den europäischen Bürgerkriegen, richtig ist – und ich halte sie für richtig –, dann trifft die Klage des Zuwenig und Zuspät uns alle, uns, die Lebenden, die Überlebenden. Es ist das mahnende Schweigen der Toten, derer wir hier gedenken, das uns dieses Zuwenig und Zuspät warnend vorhält. Wer, wie ich, den Widerstand gegen den Nationalsozialismus diesseits und jenseits der deutschen Grenzen vor und nach 1933 als eigenes Schicksal erfahren, bewusst und gewollt durchlebt hat, der ist gefeit gegen sinnlose, gegeneinander aufgezählte Widerstandsrechnungen, oft genug nur geboren aus einem falsch verstandenen Nachholbedarf an nationaler Gesinnung.

Es ist gottlob gerade auch in Ihrem Lande oft und deutlich Klage geführt und Anklage ausgesprochen über das Verhalten jener Berufsstände, von denen mehr und anderes zu erwarten war, als sie aus Mangel an Einsicht und Mut, aus Kurzsichtigkeit und Gleichgültigkeit geleistet oder – besser gesagt – nicht geleistet haben, und dies unter Berufung auf die Treue gegenüber dem Vaterland. Welch tiefe menschliche Tragik liegt darin, dass Treu und Glauben plötzlich kritiklos galten auch dann, wenn sie ein Verbrecher im Dienste der Verbrechen am Menschen forderte. Schillers unveräußerliches göttliches Gesetz und Recht gegen den Tyrannen war vergessen, und Kants kategorischer Imperativ stand geschändet im Dienst dessen, was der Königsberger Philosoph als menschenunwürdiges Verhalten verachtete. So vollzog sich der Abstieg des Volkes der Dichter und Denker zum Lande der Richter und Henker, und welcher Richter, und welcher Henker!

Lassen Sie mich aussprechen, auch wenn ich mir des Widerspruches, den ich erregen werde, bewusst bin, wie tragisch ungelöst ich das Verhältnis Einzelmensch und Gemeinschaft bei der Betrachtung von Ehrenzeichen empfinde, die in jener Zeit für persönlichen Mut und Tapferkeit verliehen wurden. Ist es nicht die Anerkennung einer respektablen persönlichen Leistung, aber gleichzeitig ein ungewollter Beitrag zum Untergang des eigenen Vaterlandes in einem verwüsteten und geschändeten Europa? Ist dieser Tatbestand gedeckt durch jenen „Urlaub vom Gewissen“, umschrieben in der berüchtigten Formel: „Befehl ist Befehl“?

Gegen diesen Hintergrund steht die Haltung derer, die vor 1933 warnten und nach 1933 kämpften gegen die System gewordene Unmenschlichkeit. Sie haben nicht nur im eigenen Lande ein einsames und geächtetes Häuflein der letzten Aufrechten gebildet.

Wenn ich von unser aller Mitverantwortung gesprochen habe, so ist dies keine Phrase. Es war ein verhängnisvolles, aber fast allgemeingültiges Gesetz in Europa, dass die Mitverantwortlichkeit für die menschliche Gesellschaft an der Grenze des eigenen Vaterlandes endet. Die braunen Gestalten wurden international salonfähig, man schloss Flottenverträge und Konkordate mit ihnen, duldete die Remilitarisierung des Rheinlandes und die Wiederbewaffnung, feierte im Schatten der Konzentrationslager frischfröhlich eine Berliner Olympiade und denaturierte in München Smetanas „Heimat“ zur „Verkauften Braut“. Wer jenseits der deutschen Grenzen die als Arbeitsbeschaffung getarnte Aufrüstung als Zeichen akuter Kriegsgefahr geißelte, wurde als Kriegshetzer verschrien. Wer dort das Unheil im „Heilsstaat“ beim Namen nannte, machte sich der Beleidigung eines befreundeten Staatsoberhauptes schuldig, das dann kurze Zeit später seine „Freundschaft“ bei Nacht und Nebel über schlafende Dörfer ergoss. Das vermeintlich vermiedene Ende mit Schrecken wurde zum Schrecken ohne Ende. Hier liegt unser aller Mitverantwortung; unser aller, das heißt meiner Generation in allen europäischen Ländern.

Gerade weil ich zu meinem Teil beizutragen versuchte, was an Widerstand geleistet wurde, habe ich kein Bedürfnis an irgendwelchen Prozentrechnungen der Mitschuld. Das sollte eine Gewissensfrage jedes Einzelnen unserer Generation sein. Dies gilt umso mehr, als diese Gedenkstunde ihren Sinn doch nicht haben soll in einem öffentlichen Schuldbekenntnis wessen auch immer über Vergangenes, wenn auch nicht Vergessenes. Wollen wir denen, derer wir hier gedenken, in Redlichkeit gerecht werden, dann kann es nur um die Schlussfolgerung für die Zukunft gehen, nur um die Einsicht und Haltung, in der Zukunft diese einsamen Aufrechten nicht wieder einsam und verlassen sein und bleiben zu lassen.

Wenn es eine Lehre aus jenen hinter uns liegenden Jahren europäischer Bürgerkriege zu ziehen gibt, dann bietet sie die Sicht auf eine Entwicklung, die ein Dichter bitter umschrieben hat als den „Weg von der Humanität über die Nationalität zur Bestialität“.

Im Namen Deutschlands wurde an dieser Stätte an Menschen Mord verübt, deren letztes Wort vielfach ihr Bekenntnis zu Deutschland war. Wie ist dieser Widerspruch zu klären? – Doch nur so, dass die Mörder ihre Nation verabsolutierten, während die Ermordeten auch für ihr Vaterland die normativen Werte gelten ließen, Werte, geprägt durch Humanismus und Christentum, symbolisiert in Städtenamen wie Athen, Rom und Jerusalem. Im verabsolutierten Nationsbegriff hat sich der Nationalismus in eben jenen Bürgerkriegen zu Tode gehetzt und verblutet. Nicht als Gegner, sondern als Zwillingsbruder gesellt sich der Nationalismus zu einem absoluten historischen Materialismus, der hier auf Blut und Boden dort auf Klasse und Produktionsverhältnissen fußt. In beiden Fällen lebt er von der Verneinung allgemein gültiger Normen und Werte. In beiden Fällen bekennt er sich zu einem Zerrbild des Geistes als einem Abfallprodukt biologischen oder ökonomischen Ursprungs.

Diese Lehre aus dieser Vergangenheit – und leider auch Gegenwart – ist nicht der Verzicht auf die oder gar der Verrat an der Nation, wohl aber zwingt die leidenssatte Erfahrung zu jener Unterordnung der Nation unter das Sittengesetz, wie es für das Individuum als selbstverständlich gilt. So wie der Einzelne in seinem Tun in ein Spannungsverhältnis zwischen Freiheit und Gebundenheit eingebettet ist, muss es auch für nationale Gemeinschaften gelten. Das Zeitalter des krankhaft übersteigerten Nationalismus ließ jedoch eine Begrenzung staatlicher Entscheidungsfreiheit durch ein Sittengesetz nicht zu. Es gibt keinen Kontinent in der Welt, der diesen Barbarismus teurer bezahlen musste als dieses Europa. Von der grandiosen Wiege der neuzeitlichen Welt ist es durch Selbstzerfleischung zum Balkan eben dieser Welt geworden.

In den ersten Jahren nach 1945 lebte in den besten Köpfen das Bewusstsein von der Notwendigkeit engerer Bindung zwischen den europäischen Nationen, und zwar nicht so sehr als Abwehr einer Gefahr von außen, sondern vor allem aus einem gesunden Selbsterhaltungstrieb. Gerade in der gegebenen Nachkriegssituation musste ein erster Schritt von Frankreich ausgehen, um ein Kernübel des letzten Jahrhunderts, die sogenannte deutsch-französische Erbfeindschaft, zu überwinden. Es wird bis in ferne Zukunft zu den großen Leistungen Frankreichs zählen, dass sein großer Staatsmann Robert Schumann den Mut zu diesem Schritt wagte und vollzog, und es verdient Anerkennung, dass einige einsichtige Staatsmänner in den Nachbarländern Frankreichs und Deutschlands sich an der Entwicklung aus europäischem Bewusstsein beteiligten. Was sich an Integration abzuzeichnen begann, entsprach den beiden entscheidenden Grundsätzen für eine europäische Einigung: Der Einsicht, dass das Ziel nicht ein europäisches Eintopfgericht sein kann, der Einsicht, dass auch ein vereinigtes Europa eine Einheit in nationaler Verschiedenheit sein soll und sein muss, und schließlich, dass es gerade deswegen galt, eine demokratische übernationale Struktur für diese Einheit zu finden, die den Vorherrschaftskampf, die das Hegemonialprinzip ausschloss.

Es ist hier nicht der Ort und der Zeitpunkt, um die wechselvolle Geschichte dieser Idee in einer Reihe von gelungenen, heute wieder gefährdeten oder misslungenen Versuchen zu schildern. Aber unbestritten ist leider, dass sich 20 Jahre nach Kriegsende der Neonationalismus schlechtester Prägung allenthalben wiederum regt und erneut Feld gewinnt. Zwar tarnt er sich heute mit europäischen Phrasen, baut Fassaden, um dahinter das alte Spiel um die Hegemonie erneut zu beginnen; das aber ist der neue Anfang vom alten Ende.

Uns ist die Pflicht auferlegt, hier Schein und Wirklichkeit zu unterscheiden. Ich glaube, es ist beste Haltung im Sinne einer humanen und christlichen Gesinnung, wenn heute mit großer Anstrengung nach menschlichen Beziehungen mit dem Teil Ihrer Nation gestrebt wird, der durch die Spaltung Europas – wobei die Grenze durch Ihr Land geht – von Ihnen und uns getrennt ist. Ich weiß, dass dies kein Ersatz ist für Wiedervereinigung. Aber wonach hier gestrebt wird, entspricht einem Sittengesetz, das für alle Menschen gilt und damit die Grenzen eines reinen nationalen Strebens überschreitet. Ich werte diesen Ansatzpunkt so hoch, weil er richtungsweisend sein wird auch für die späteren nationalen Lösungen. Und dann wird sich wieder – seien Sie dessen gewiss – die Begrenzung der nationalen Souveränitäten stellen, eben die Freiheit im Rahmen einer übernationalen Gebundenheit. Solche Einordnung und Unterordnung unter ein gemeinsames Gesetz ist zumutbar nur, wenn es für alle gilt; kein Volk kann und wird auf die Dauer den Status einer europäischen Nation zweiter Klasse als gegeben hinnehmen. Es durch zweifelhafte Garanten oder solche, die sich dafür halten, bändigen zu wollen, ist der sicherste Weg zu neuen Explosionen.

Meine Damen und Herren, so führt uns der gedankliche Weg von den Toten, derer wir hier gedenken, über die politische Lage, in der wir uns befinden, wiederum zurück zur Gesinnung derer, die hier oder an anderen Mordstätten als Widerstandskämpfer ihr Ende fanden. Was sterblich war an ihnen, mag vergehen; ihre Gesinnung sollte uns Leitsatz sein. Allein darin liegt verankert menschenwürdiges und gemeinschaftswürdiges Verhalten.






Weitere Reden

19.07.1966
Hartmut Röseler
19.07.1966
 Heinrich Albertz
Heinrich Albertz